Nachdem sein Freund Maril von ihrem Hehler niedergestochen wurde, landet Mowsal mit Fieberschock im Krankenhaus. Endlich die Gelegenheit, die Freundschaft der beiden Jungen mit einer fiebrigen Rückblende zu beleuchten!
Mowsal Aernali in:
Rückblende Eins
von Maja Ilisch
Neben Frau Ineluki stand ein
neuer Schüler, und die dritte Klasse beäugte ihn
argwöhnisch. Das leise Tuscheln und Kichern verriet zwar ein
größeres Interesse, aber nicht, ob der erste Eindruck
des Neuen ein guter oder schlechter war.
Eines zumindest stand fest: Wer immer dem Jungen diese grünen
und gelben Sachen angezogen hatte - anzunehmenderweise seine Mutter
- hatte ihm damit keinen Gefallen getan. Mit seinen zerzausten
rotbraunen Haaren und der dunklen Haut wirkte er in seinem bunten
Hemd wie ein besonders farbenprächtiger Vogel.
Für einen Achtjährigen war er klein (genaugenommen sah er
nicht einmal aus wie sieben), und er wirkte auch nicht gerade
kräftig: Nichts, was der Klasse beim jährlichen
großen Shemspiel irgendwie geholfen hätte. Aber er sah
aus wie jemand, der eine Menge Spaß in den Unterricht bringen
konnte. Es lag zum Teil daran, daß sein Mund für das
Gesicht viel zu groß war und er dadurch aussah, als ob er
grinste, aber auch an dem Funkeln in seinen grünbraunen
Augen.
»Dies«, sagte Frau Ineluki, »ist Maril Eykhini,
der gerade mit seinen Eltern neu nach Ergisamea gezogen
ist.«
»Und mein Name ist nicht Eykhini, sondern
Eykhini«, fügte der Junge hinzu. Frau Ineluki
verzog leicht säuerlich das Gesicht. Die anderen Schüler
lachten. Doch, sie würden ihn mögen, auch wenn er sich
erst noch beweisen mußte. Einen Narren konnte die Klasse noch
brauchen.
Mowsal saß an seinem Tisch in der ersten Reihe, und er
saß dort ganz allein. Niemand sonst wollte direkt vor dem
Lehrerpult sitzen, aber Mowsal war klein und konnte die Tafel nicht
richtig sehen, wenn jemand vor ihm saß. Wie alle anderen
beobachtete er gebannt Frau Ineluki und den Neuen, und als er
merkte, wie die Lehrerin ihren Blick suchend über die Reihen
wandern ließ, reagierte er sofort. Er riß den Arm hoch,
und ohne abzuwarten, daß er drangenommen wurde -
schließlich durfte ihm kein anderer zuvorkommen -, sagte er
laut: »Er kann hier vorne bei mir sitzen!«
Frau Ineluki blickte ihn erstaunt an. »Warum hättest du
das gern, Mowsal?« fragte sie.
Das war gemein! Mowsal konnte schlecht vor der ganze Klasse
antworten: 'Ich möchte, daß Maril mein Freund wird' -
alle würden lachen. Aber was sollte er dann sagen? Er ist
so klein, daß ich neben ihm groß aussehe? Ich
brauchen jemanden, bei dem ich die Rechenaufgaben abschreiben
kann?
»Weil… weil unsere Namen beide mit M anfangen.«
Es war die blödeste Antwort, die ihm gerade einfiel. Zumindest
hatte er dem Neuen so bewiesen, daß er schon schreiben konnte
- nun, im dritten Schuljahr sollte man das auch wohl meinen.
Maril lachte mit dem Rest der Klasse, aber wie zur Antwort stellte
er seinen Ranzen auf Mowsals Tisch.
»Könntest du erklären, was du damit meinst?«
fragte Frau Ineluki verwirrt und interessiert zugleich. Mowsal
hatte sich immer bemüht, nicht aufzufallen, und eigentlich
wäre er nie auch nur im Traum auf die Idee gekommen, so etwas
zu sagen.
Maril grinste so breit, daß seine Ohren abstanden, und setzte
sich auf den Stuhl neben Mowsal. »Haben Sie das nicht
verstanden, Frau Inekulki? Wir sind M, und weil niemand ist wie
wir, muß ich wohl oder übel hier sitzen
bleiben.«
Der ganzen Klasse war klar, daß Maril Frau Inelukis Namen mit
Absicht veralbert hatte, weil sie seinen falsch ausgesprochen
hatte. Aber es war Mowsal, den sie nun auf ihre süßliche
Art anlächelte.
»Nun, Mowsal, wenn du glaubst, daß du so bist wie er,
dann wirst du dich aber ziemlich anstrengen müssen. Maril war
auf seiner alten Schule Klassenbester.«
Maril hörte auf zu grinsen und funkelte Frau Ineluki böse
an. Wer wollte auch schon mit diesen Worten in seine neue Klasse
eingeführt werden? Aber statt jetzt eine witzige Antwort zu
geben, sagte er lieber nichts.
So begann die Feindschaft zwischen Maril und Frau Ineluki. So
begann aber auch seine Freundschaft mit Mowsal.
Wie Mowsal schnell feststellen durfte, hatte Maril tatsächlich
vor, auch hier Klassenbester zu werden. Das heißt,
genaugenommen waren es seine Eltern, die das vorhatten, aber das
änderte nichts daran, daß Maril bei all dem
Blödsinn, den er anstellte, ein wirklich guter Schüler
war. Mowsal blieb nichts anderes übrig - er mußte
versuchen, mitzuhalten. Bevor er Maril kennenlernte, hatte er sich
immer bemüht, niemals über dem Klassendurchschnitt zu
liegen, aber nun merkte er, daß es auch Spaß machen
konnte, besser als die anderen zu sein. Maril tat alles, um
aufzufallen, aber er war beliebt, und niemand hätte es gewagt,
ihn als einen Streber zu bezeichnen. Und da Mowsal sein Freund war,
ließ man ihn ab jetzt auch in Ruhe. Es war erstaunlich: Da
waren sie beide noch fast einen Kopf kleiner als der nächst
größere Junge in der Klasse, und auch als die meisten
Mädchen, und doch war es Maril, der in der Klasse das Sagen
hatte. Er wirkte immer etwas aufgedreht, aber er fürchtete
sich nicht vor den Lehrern und ließ sich nichts gefallen.
Mowsal merkte aber bald, daß es noch einen zweiten Maril gab,
einen manchmal sogar mehr als ruhigen Jungen, der Angst vor seinen
Eltern hatte und versuchte, um ihre Zuneigung zu kämpfen,
indem er die besten Leistungen in der Schule erbrachte. Er durfte
oft tagelang nicht aus dem Haus, und seine Eltern sahen es auch
nicht gerne, wenn er andere Kinder als Besuch mitbrachte. Wenn er
auch mit den meisten Jungen aus der Klasse gut klar kam, blieb
Mowsal sein einziger richtiger Freund, und er ließ auch
keinen anderen nah genug an sich heran. Bald galten sie als
unzertrennlich, und ihr gemeinsamer Spruch: »Wir sind M.
Niemand ist wie wir« wurde zum Programm. Mowsal hätte
gar nicht versuchen dürfen, sich noch andere Freunde
außer Maril zu suchen. Sie brauchten einander, und es gab
keinen Platz für dritte.
Mowsals Eltern sahen die Freundschaft mit gemischten Gefühlen.
Auf der einen Seite hatten sich seine Leistungen sehr verbessert,
seit sie zusammen waren. Auf der anderen Seite stiftete Maril immer
zu irgendwelchem Unfug an, für den dann auch Mowsal Ärger
bekam. Aber zum richtig großen Krach kam es erst nach der
Sache mit den Tabletten.
Es fing damit an, daß Mowsal eines Tages ganz arglos fragte:
»Sag mal, Maril, wenn du immer krank bist, warum kommst du
dann trotzdem jeden Tag zur Schule?«
Kurz vor der Rechenarbeit war Maril ohnehin schon gereizt, und so
fuhr er nun Mowsal an: »Was meinst du - krank? Willst du
Haue, oder was?«
»Nein, nein«, beeilte sich Mowsal zu sagen. Streit mit
seinem Freund war das letzte, was er jetzt wollte. »Ich meine
nur - du mußt immer diese Tabletten schlucken.«
»Ach, daß!« Jetzt lachte Maril wieder, auf
eine etwas überlegene Art. »Dummkopf, ich bin doch nicht
krank!« Er zog die klappernde kleine Dose aus der Hosentasche
und hielt sie Mowsal vors Gesicht. »Da ist alles drin, was
ich für die Schule brauche. Was meinst du wohl, warum ich
immer noch besser bin als du?« Er öffnete die Dose und
deutete auf die einzelnen bunten Tabletten. »die hier ist
für Sport. Und die hier ist, damit ich ruhiger sitze und
besser aufpassen kann.«
Mowsal hörte mit vor Staunen offenem Mund zu. Doch dann
biß er die Kiefer wieder zusammen. »Das ist aber ganz
schön ungerecht!« sagte er. »Ich strenge mich hier
an bis zum Gehtnichtmehr, und du nimmst einfach eine von denen und
kannst alles!«
Maril dachte kurz darüber nach. Dann nickte er. »Du hast
Recht, das ist wirklich nicht fair. Aber wofür sind wir
Freunde?« er fischte drei kleine hellblaue Pillen aus der
Dose und drückte sie Mowsal in die Hand. »Hier, die
kannst du behalten. Meine Eltern haben noch genug davon
Zuhause.«
»Wofür sind die?« fragte Mowsal neugierig und
steckte sie in den Mund. Sie schmeckten süß, nach
Zuckerguß.
»Konzentration. Genau das, was du für die Rechenarbeit
brauchst. Aber du darfst immer nur -«
Es war zu spät. Mowsal hatte schon alle drei Tabletten auf
einmal hinuntergewürgt. Er schluckte noch mehrmals hinterher.
Weil er keine Wasser dazugenommen hatte, schienen sie jetzt
irgendwo in seinem Hals festzustecken.
»Das war ein Fehler«, murmelte Maril. »Du darfst
immer nur eine auf einmal nehmen.«
»Und was passiert jetzt?« fragte Mowsal ängstlich.
Er fühlte sich immer noch ganz normal, bis auf das
Drücken in seinem Hals. Und Maril lachte auch schon
wieder.
»Ach, wir sagen es einfach keinem. Wahrscheinlich wirst du
dich einfach besonders gut konzentrieren können.«
»Mhm«, sagte Mowsal.
Viel mehr sagte er nicht, und das war dann auch der Grund, warum
seine Mutter anderthalb Stunden später kam, um ihn abzuholen.
Ein Junge, der wort- und regungslos auf sein Heft starrte und nicht
einmal reagierte, wenn er geschüttelt wurde, war etwas, das
sogar über Frau Inelukis Vorstellung von einem ruhigen
Schüler hinausging. Maril, der nicht wollte, daß sie
beide Ärger bekamen (obwohl es ja eigentlich nur Mowsals
Schuld war, wegen seiner Dummheit), aber Mowsal war sein Freund,
und da machte es ihm schon Angst, daß er einfach nur so
dasaß und sich nicht rührte. Also erzählte er
Mowsals Mutter alles.
An was sich Mowsal hinterher wiederum sehr genau erinnern konnte
(zu genau, um es jemals wieder vergessen zu können) war,
daß man ihm ein widerwärtiges Zeug auf die Zunge
tropfte, bis er anfing, sich zu übergeben.
Das Nachspiel, welches weder Mowsal noch Maril so richtig
verstanden, war, daß Mowsals Eltern wütend zu den
Eykhinis marschierten und ihnen die Schuld gaben. Sie sagten solche
Sachen wie 'verantwortungslos' und 'krimineller Leichtsinn',
während Marils Eltern immer wieder erklärten: »Wir
tun nur das Beste für unseren Sohn.«
Jedenfalls dauerte es mehr als ein Jahr, bis Mowsal Maril wieder
besuchen durfte. Aber sie blieben Freunde, trotz allem, was
passierte. Einmal beschlossen sie, gemeinsam von Zuhause
auszureißen, so wie es Lamorna gemacht hatte, aber irgendwie
kamen sie nie dazu. Dann lernten sie Rogri kennen, und
plötzlich begann sich alles zu verändern. Nicht nur
Marils und Mowsals Verhalten. Nein, es war mehr das Drumherum. Was
angefangen hatte wie eine normale Rückblende, in der Mowsal
noch einmal seine Zeit mit Maril an sich vorüberlaufen sah,
wurde mehr und mehr zu einem verzerrten Alptraum. Gesichter
erschienen, die Mowsal noch nie zuvor gesehen hatte, fremde,
unmenschliche Fratzen.
Im neunten Schuljahr machten Mowsal und Maril ihren Klassenausflug
nach Ilanrea, und dort endete alles. Plötzlich war erst die
ganze übrige Klasse verschwunden, dann auch noch Maril, und um
Mowsal herum waren nur noch gläserne Wände, zu allen
Seiten hin abgeschlossen, durch das Glas hindurch konnte er die
Augen spüren von unheimlichen, mächtigen Wesen, die ihn
beobachteten. In seinem Kopf spürte er nur noch Rogris leises
Lachen.
Es gab kein Entkommen.
aus: Die Spinnwebstadt
Erstes Buch: Von Mauern aus Glas
(c) by Maja Ilisch