Noch ein Fiebertraum. Mowsal ist gerade in einem Sturm (eigentlich war es die Durchquerung des Zerbrochenen Windes) ins Meer gefallen und weiß noch nicht, daß er doch in letztem Moment aus dem eiskalten Wasser gezogen wurde (und jas, ich hatte gerade Titanic gesehen. Und ja, Mowsal sieht aus wie Leonardo DiCaprio).
Die Idee mit der Asche stammt aus einem echten Traum, aber nicht meinem.


Mowsal Aernali in:

Wasser und Asche

von Maja Ilisch


Angsterfüllt und immer noch vor Nässe triefend, stand Mowsal im Türrahmen und wartete mit gesenktem Kopf ab, was auch immer kommen mochte. Rogris ausdrucksloses Gesicht verriet nichts, aber das hatte es auch noch nie getan. Und obwohl sein Schreibtisch aus Glas war, konnte man doch nicht sehen, was er dahinter tat.
»So«, sagte Rogri, und seine gelben Augen erschienen noch stechender als zuvor. »Du hast dich also entschieden, zu mir zurückzukommen.«
»Ich wollte dich nicht verraten«, murmelte Mowsal und starrte auf seine Schuhe.
Plötzlich klang Rogris Stimme wieder freundlich. »Oh, du hast mich auch nicht verraten. Niemand verrät mich. Und ich sorge dafür, daß es so bleibt, nicht wahr, Maril?«
Mowsal folgte seinem Blick und merkte, daß Maril direkt neben ihm stand und ebenfalls zu Boden blickte. Schlagartig wurde ihm bewußt, in welcher Gefahr sie schwebten. »Renn weg, Maril«, schrie er. »Er darf dich nicht erwischen!«
Maril lachte. »Aber das hat er doch schon längst, hast du das vergessen?« Er grinste Mowsal fröhlich an. Seine Augen waren gelb geworden wie die von Rogri, und sein Gesicht hatte jede Farbe verloren. Dann erst erkannt Mowsal, woran es lag. Maril war über und über mit einem dichten, undurchdringlichen Spinnennetz bedeckt, wie mit einer zweiten Haut. Mowsal schrie und wollte weglaufen, aber er konnte sich nicht von der Stelle bewegen. Eine große blausilberne Spinne hatte angefangen, ihn ebenfalls einzuspinnen, und seine Füße waren bereits nicht mehr von Marils zu unterscheiden. Wieder schrie Mowsal, schrie, solange zumindest sein Mund noch frei von dem klebrigen Gespinst war. Es schmeckte wie Zuckerwatte, nur salzig.
»Warum machst du das alles?« fragte Maril, der an einem kleinen Tisch in der Ecke sa&szlig. Das ganze Zimmer hatte sich verändert. Rogris Schreibtisch war verschwunden, und an den Wänden klebten nun die kitschigen Tapeten, die Marils Eltern ausgesucht hatten, als er acht Jahre alt war. Nur, daß das Muster anstelle von spielenden Hunden und Hasen nun Kätzchen und junge Füchse darstellte. Maril selbst schien nicht weiter auf die Tapete zu achten. Er schaufelte mit einem Löffel etwas aus einer Schüssel, die vor ihm stand, in seinen Mund, kaute und schluckte. Mowsal dachte zuerst, es sei ganz gewöhnlicher Hirsebrei, aber als er näher herantrat, erkannte er, daß das Gefäß ein Aschenbecher war, und egal, wieviel Maril auch von seinem Inhalt essen mochte, es wurde und wurde nicht weniger.
»Warum mache ich was?«fragte Mowsal zurück.
Maril machte eine weit mit seinem Löffel ausholende Handbewegung. »Das ganze hier… Warum bist du nur so versessen darauf, mich zu retten? Glaubst du vielleicht, du kannst damit unsere Freundschaft zurückkaufen?« Er lachte höhnisch und löffelte weiter an seiner Asche.
»Wir sind immer noch Freunde!« warf Mowsal trotzig ein. »Du würdest das selbe für mich tun.«
»Mein Leben riskieren? Warum? Früher wäre ich vielleicht so dumm gewesen, aber die Zeiten haben sich geändert. Früher war ich noch nicht tot.« Maril machte eine Pause und kaute gedankenverloren. »Und du auch nicht.«
Von einem plötzlichen Schrecken erfüllt, blickte Mowsal an sich hinunter. Und erst jetzt erkannte er, daß das, was da so stetig an ihm herablief und auf den Fußboden tropfte, kein Wasser war.
Sondern Blut.

aus: Die Spinnwebstadt
Zweites Buch: Der Zerbrochene Wind

(c) by Maja Ilisch/i>


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