Mit diesem Traum endet das Überfahrt-Kapitel. Das Ende fehlt nicht - es ist nur einer dieser Träume, die enden, bevor sie vorbei sind. Oder aber - für die es keine Worte gibt. Zumindest keine menschlichen.
Mowsal Aernali in:
Der Zerbrochene Wind
von Maja Ilisch
Jemand tippte Mowsal auf die
Schulter. Er drehte sich um und sah, daß es keine Hand war,
sondern eine einzelne lange Kralle, die sich an einer Klaue befand,
an einem zugleich riesenhaften und zierlichen schwarzen,
schuppenglänzenden Vorderbein, und das alles gehörte zum
Schwarzen Drachen, in dessen gelbe Augen Mowsal nun blickte.
Es ist schön, daß wir uns wiedertreffen, sagte der
Drache. Und ich fürchtete schon, wir hätten uns aus
den Augen verloren.
»Was willst du von mir?« schrie Mowsal, als die alte
Panik wieder Besitz von ihm ergriff.
Nichts, als mich bedanken. Ich war zu lange eingesperrt. Nun bin
ich frei, und das verdanke ich dir.
Mowsal atmete tief durch. »Du bist gar nicht wirklich«,
sagte er dann laut und ruhig. »Es gibt dich nur in meinem
Traum.«
Ach ja? Und du glaubst, Träume sind weniger wirklich?
Laß dir sagen: Es gibt nichts Wirklicheres als den Traum
eines Drachen. In einem Traum hast du mich befreit, und sieh, was
du mit der äußeren Welt angerichtet hast.
Mowsal folgte seinem Blick und sah, daß im Himmel über
der gläsernen Stadt ein Loch klaffte, hinter dem die
Finsternis kochte. »Aber - das war ich nicht«, rief er
und hatte doch das Gefühl zu lügen. »Das Loch war
immer da, schon vor vielen Jahrhunderten.«
Der Schwarze Drache schüttelte den Kopf. Das warst du.
Glaubst du etwa, du träumst mich in deine Zeit? Nein. Ich bin
es, die träumt. Ich bin die Gegenwart. Ihr Sterblichen seid
die Zukunft, und zugleich die Vergangenheit. Du hast es getan,
Mowsal! Du hast das Netz der Wirklichkeit zerrissen. Alles, das
Ende der Welt, ist deine Schuld, und das wirkt stärker als der
Rest.
»Aber ich war es nicht! Das war ein anderer!«
Ja, das hast du immer schon gerne gesagt.
Der Drache verstummte und sah wieder hoch in den zerrissenen
Himmel, aber es war keine Besorgnis, die von ihm ausging, sondern
eine große Zufriedenheit. Mowsal spürte, wie die
Schwärze auf ihn zukam, und dann erst begriff er, daß er
selbst es war, der durch die Luft gewirbelt wurde. Das große
schwarze Lächeln sog ihn auf und verschlang ihn. Dahinter
war
aus: Die Spinnwebstadt
Zweites Buch: Der Zerbrochene Wind
(c) by Maja Ilisch