Ich mußte irgendwie die Revolution, die so oft erwähnt wurde, einmal etwas näher beleuchten. Aber wie, wenn ich in Mowsals Perspektive bin und sich der Junge überhaupt nicht für Geschichte Interessiert? Ich habe die Verfilmung gewählt. Film ist in dieser Geschichte noch ein Zentralthema. Und vor allem fand ich die Möglichkeit der geschachtelten Rückblende faszinierend.
Mowsal Aernali in:
Rückblende Zwei
von Maja Ilisch
Komm mit, sagte der
Schwarze Drache, ich werde dir etwas zeigen.
Mowsal wagte es nicht, ihm zu widersprechen, ohne daß er
wußte, warum ihm dieses Ungeheuer eine solche Angst
einflößte. Schließlich hatte der Drache selbst
noch nie versucht, Mowsal anzugreifen oder ihm Schaden
zuzufügen. Auf seine weise war der Schwarze Drache immer
freundlich gewesen, auf die Art, wie man zu seinem Haustier
freundlich ist. Aber in seiner Nähe brach immer die Natur
über Mowsal herein mit einer Gewalt, die ihn noch lange nach
dem Aufwachen Schmerzen fühlen ließ.
Dreh dich um. Schau hin.
»Was ist dort?« fragte Mowsal verstört. Er konnte
nichts erkennen, und doch hatte er das Gefühl, an diesem Ort
schon einmal gewesen zu sein. Dies war nicht Ilanrea. Selbst wenn
man nichts sah als Nebel und Spinnweben, wußte Mowsal
inzwischen doch, wie sich der glatte Boden der gläsernen Stadt
unter seinen Füßen anfühlte.
Hier? Hier ist die Revolution. Und noch einiges mehr.
Nebel und Drache verschwanden im selben Augenblick. Um Mowsal herum
wurde es heller. Und jetzt wußte er auch, wo er war. Dies war
der Vorführsaal der Linse, Ergisameas
größtem Lichtspielhaus. Und als Mowsal um sich herum die
Schüler seiner Klasse entdeckte, wußte er sogar, welcher
Tag es war. Als sie vor zwei Jahren die Revolution durcharbeiteten,
lief zeitgleich ein Film, Die Nacht der
Scherben, der damals anläßlich des
fünfundsiebzigsten Jahrestags der Revolution gedreht worden
war und der sich erstaunlich kritisch mit dem Thema
auseinandersetzte.
Suchend blickte sich Mowsal um, denn irgendwo mußte
schließlich auch Maril sein. Sie waren damals zusammen in den
Film gegangen, und soweit er sich erinnern konnten hatte ihnen der
Streifen auch ganz gut gefallen. Und tatsächlich hatte Mowsal
Maril schnell gefunden. Sein Atem stockte. Neben Maril saß er
selbst.
Mowsal hatte sich noch nie von außen gesehen. Im Spiegel,
natürlich, und auf Fotos, aber dies nun, in freier Wildbahn,
war etwas völlig anderes. Selbst in seinen Träumen - und
das war ein Traum, soviel stand fest - blieb Mowsal sonst doch
immer in seinem eigenen Körper. Und doch war er jetzt hier,
und dort drüber saß er noch einmal, zwei Jahre
jünger. Seine Haare hatten noch ihre natürliche Farbe,
aber das war auch schon der einzige Unterschied. In den zwei Jahren
hatte er sich nicht viel verändert. Zumindest
äußerlich.
Maril, der sich bequem in seinem Sitz zurückgelehnt hatte und
auf den Beginn der Vorführung wartete, machte einen
beglückend lebendigen Eindruck. Der Filmbesuch hatte zu einem
Zeitpunkt stattgefunden, als sie beide noch regelmäßig
die Schule besuchten und Maril gerade erst anfing, Dosenbier
für die Pause mitzubringen, oder gelegentlich etwas
Härteres. Der Mowsal auf dem Sitz neben ihm beugte sich zu ihm
hinüber und flüsterte ihm etwas ins Ohr und beide
lachten.
Der beobachtende Mowsal versuchte, noch etwas näher an sie
heranzukommen, um zu wissen, was geredet wurde - schließlich
war es sein Traum und er hatte ein Anrecht auf das, was er redete -
und so glitt er einfach durch die Reihen der Zuschauer hindurch,
als ob er keinen Körper hätte. Irritiert blickte er an
sich hinunter. Dort war nichts. Körperlich existierte Mowsal
nur in diesem Sitz.
Er versuchte, nicht weiter darüber nachzudenken. Dies war nur
ein Traum. Da konnte das schon mal vorkommen. In erster Linie
sollte er sich freuen, daß der Drache, der ihn an diesen Ort
gebracht hatte, sofort wieder verschwunden war, ohne daß sich
Löcher im Himmel auftaten. Alles war genau so, wie es damals
gewesen war. Mowsal hatte nichts weiter zu tun, als zuzusehen.
Das Licht im Vorführraum ging langsam aus, und so fand Mowsal
es weitaus einfacher und auch angenehmer, den Film zu beobachten
als sich selbst. Die Nacht der Scherben wurde
alljährlich gezeigt, wenn wieder Revolutionstag war, und
Mowsal hatte ihn schon mehrmals gesehen, aber der Name, der jetzt
im Vorspann auftauchte, überraschte ihn zunächst doch
sehr. Dort stand, direkt unter den großgeschriebenen
Hauptdarstellern, Toskir Alehma. Wie alt war der Film? Achtzehn
Jahre ungefähr. Damals war Toskir noch ein weitgehend
unbekannter Mann gewesen, und ziemlich jung - jetzt mußte er
ungefähr Anfang vierzig sein. In den Ehrenadel hatte man ihn
erst nach diesem Film erhoben - oder vielleicht deswegen? Mowsal
nahm sich vor, genau aufzupassen. Kinki hatte ihm immer von Toskirs
großartigen schauspielerischen Leistungen vorgeschwärmt,
aber bis jetzt hatte er nie sehr auf derartiges geachtet. Irgend
einen Sinn mußte dieser Traum haben. Vielleicht ging es um
Toskir. Warum auch immer.
Und da war er! Es war nicht weiter schwer, den heute so beliebten
Schauspieler herauszufinden. Markant war sein Gesicht immer schon
gewesen, auch wenn es noch nicht so verbraucht aussah wie heute -
vermutlich forderte es einen Tribut, wenn man derart stark rauchte,
um Lauris Likaerti herumscharwenzelte und darüber hinaus mit
einer Zauberin verheiratet war. Nur die lächerliche Stirnlocke
fehlte. Toskir war ganz im Stil des vergangenen Jahrhunderts
gekleidet, mit streng und irgendwie glitschig nach hinten
gekämmtem Haar und steifen dunklem Anzug (nun, in der Hinsicht
erinnerte es wieder daran, wie Toskir heute als Mitglied der
Gebrochenen Rose herumlief). Er spielte - und wirklich
überzeugend, das konnte man nicht anders sagen - Estral
Tosaleema, Held der Revolution, der als junger Architekt direkt an
der Erbauung Ilanreas beteiligt war und die Stadt lange gegen alle
Anfechtungen verteidigte, der den König in Schutz nahm, als
man ihm seine Verschwendungssucht vorwarf und dem erst, als er
durch einen Willkürsakt seine Arbeit verlor, die Augen
geöffnet wurden. Danach kämpfte er in vorderster Front,
und es war seinem Fanatismus zuzuschreiben, daß die
Revolution nicht friedlich verlief, sondern in ein großes
Blutbad ausartete. Mowsal konnte nicht anders, als Toskir zu dieser
Leistung zu beglückwünschen. Durch ihn wurde Tosaleema
nicht zu einem gesichtslosen Helden, sondern einem
zwiespältigen und gebrochenen Charakter, nicht besonders
sympathisch, aber interessant. Erstmals überlegte Mowsal, ob
es vielleicht tatsächlich ganz interessant sein könnte,
sich den Film über Clòn Lonnìl Dhub
anzusehen.
Gleichzeitig fragte er sich, ob der Film immer schon so gewesen war
oder ob er ihn vielleicht nur so spannend träumte. Seine
Erinnerung an Die Nacht der Scherben war bei weitem nicht so
deutlich wie das, was er gerade auf der Leinwand wiedererlebte.
Hier war es so spannend, daß er fast das Gefühl hatte,
damals dabeigewesen zu sein, und er fieberte mit, als die
größtenteils betrunkenen Horden der Revolution Ilanrea
stürmten und der Stadt ihr heutiges Aussehen verliehen -
trauriges Mahnmal an eine Monarchie, die ihren Untergang selbst
heraufbeschworen hatte.
Der Mowsal, der im Rahmen des Geschichtsunterrichts diesen Film
sehen mußte, war da anderer Ansicht. Er interessierte sich
kaum für das nachgestellte Geschehen und alberte mit Maril
herum, lachte an den unpassendsten Stellen und vermittelte seinem
älteren, beobachtenden Selbst ein nicht besonders angenehmes
Bild. Sag mal, sind wir besoffen, oder was? Es konnte
durchaus sein. In dieser Zeit hatte Marils (und, wenn er ehrlich
sein mußte, auch sein eigener) Abstieg begonnen, denn sie
waren genau in dem Alter, in dem es unglaublich stark wirkte, in
der Schule zu trinken und sich nicht erwischen zu lassen. Was waren
sie sich doch toll vorgekommen!
Jetzt, von außen betrachtet, war es überhaupt nicht
toll. Bestenfalls lächerlich, und eigentlich nicht einmal das.
Peinlich, mehr nicht. Mowsal versuchte, diese beiden Jungen zu
ignorieren und keinen von ihnen auch noch als persönlichen
Bekannten zu betrachten, und konzentrierte sich wieder auf den
Film. immer, wenn er zu sich und Maril hinübersah,
verblaßte das Leinwandgeschehen, und auch die Geräusche
verstummten bis auf das, was die beiden miteinander tuschelten.
Aber als Mowsal wieder aufpaßte, brachen die Horden in die
Wohnräume der königlichen Familie ein und metzelten sie
nieder. Wer diesen Film sah, dachte hinterher anders über die
Helden der Revolution: Weniger… heldenhaft.
König Ervan am'Aqueinya und seine Frau wurden erschossen,
ebenso der achtjährige Kronprinz. Das vierjährige
Mädchen starb durch mehrere kräftige Fußtritte ins
Gesicht, mit brutaler härte so direkt gezeigt, daß
Mowsal sogar in seinem Traum übel von dem Anblick wurde. Wie
hatte er so eine Szene vergessen können? Nur der jüngste
Prinz, Darid, drei Jahre alt, hatte Glück.
Geistesgegenwärtig schnappte ihn sein Kindermädchen aus
dem Bett, klemmte ihn sich unter den Arm und sprang, bevor man sie
zurückhalten konnte, mit ihm aus dem Fenster des zweiten
Stocks. Sie brach sich den Hals, aber die Leute, die gerade
versuchten, mit heiler Haut aus der Stadt zu fliehen, nahmen den
kleinen Jungen und brachten ihn in Sicherheit.
Dies war die Stelle, an der Maril in lautes Gelächter
ausbrach. Nur einen Augenblick später fiel Mowsal mit ein.
Einen unpassenderen Augenblick hätten sie nicht wählen
können. Und es geschah ihnen völlig recht, daß sie
deswegen aus dem Saal verwiesen wurden. Obwohl es eine bessere
Strafe gewesen wäre, wenn man sie gezwungen hätte, den
Film bis zum Ende anzusehen. Aber in dem Moment, in dem die beiden,
sich immer noch vor Lachen kugelnd, auf die Straße gesetzt
wurden, verblich auch der Saal um Mowsal herum, und er fand sich am
Rand eines Traumes wieder, ohne auch nur zu wissen, was am Ende aus
Toskirs jungem Architekten geworden war. Eines Tages mußte er
sich in Ruhe den ganzen Film ansehen. Gesetzt den Fall, daß
man vom Gefängnis aus Filme besuchen durfte.
aus: Die Spinnweb-Stadt
Zweites Buch: Der Zerbrochene Wind
(c) by Maja Ilisch