Ich mag diese Szene. Wo ist Mowsal wach, und wo träumt er? Ich weiß es, aber ich verrate es nicht. Ich will nicht, daß die Leser jemals mehr wissen als Mowsal. Welche Wirklichkeit darf's denn sein?
Mowsal Aernali in:
Welche Wirklichkeit?
von Maja Ilisch
Um ihn herum war die Nacht
voller Geräusche. Mowsal starte sie mit den Ohren an, nahm sie
wahr, machte sich jedoch nicht die Mühe, sie zu verstehen. Er
war zu betrunken zum Schlafen, und wach sein konnte er sowieso
nicht. Gerade noch nüchtern genug, um nicht das
Bewußtsein zu verlieren, lag er auf der Seite und fand keine
Ruhe. Ein Teil von ihm träumte, verwirrend
unzusammenhängende, inhaltslose Bilder, die sich nahtlos mit
dem vermischten, was seine wache Hälfte wahrnahm. Es war ihm
gelungen, die Kopfschmerzen bis auf ein erträgliches Maß
zu betäuben, aber dafür wüteten seine Innereien
stumm vor sich hin. Über ihm kreiste der schwarze Drache wie
ein großer fliegender Schatten, der den Mond mal verdeckte
und mal scheinen ließ. Dabei sang er, einen großen,
barbarischen Drachengesang. Mowsal hatte den Drachen noch nie
singen gehört, und er wußte auch nicht, ob er es jemals
wieder wollte. Es waren keine Worte in dem Gesang. Drachen
brauchten ihre Stimmen nicht, um miteinander zu kommunizieren. Das
geschah von Kopf zu Kopf. Aber um Freude auszudrücken, oder
Triumph, brauchte es mehr als nur nackte, kalte Gedanken.
Diesmal blieb Mowsals Kopf leer. Der Drache schien kein Interesse
daran zu haben, sich mit ihm zu unterhalten. Das war eine
Erleichterung. Ein wenig hatte Mowsal sich daran gewöhnt,
daß der Drache zu ihm sprach, aber angefreundet hatte er sich
mit der Idee noch lange nicht. Jetzt hatte er endlich seine
Ruhe.
Dann fiel ihm auf, daß er direkt auf dem harten Boden lag,
ohne Schlafsack oder Zelt, und daß, obwohl es doch vorhin
noch so entsetzlich kalt gewesen war. Und doch fror er nicht. Das
Gestein unter ihm war jetzt so warm, als würde es leben. Auch
kam es Mowsal so vor, als ob sich die Umgebung sehr langsam auf und
ab bewegte. Aber das mußte daran liegen, daß er zuviel
getrunken hatte. Dann bewegten sich schließlich immer alle
möglichen Sachen. Es war reine Einbildung. Wie auch der Drache
über ihm. Mowsal öffnete die Augen und schielte hinauf
zum Mond. Der Himmel war leer bis auf seine kleinen Lichter. Nichts
flog.
Beruhigt und zufrieden grunzend drehte Mowsal sich auf die andere
Seite und versuchte, wieder einmal einzunicken. Dann merkte er,
daß der Gesang auch ohne Drachen andauerte. Noch einmal
schlug er die Augen auf und sah sich um. Dort stand jemand im
Schatten der Felsen, eine große, dunkle Gestalt, und sang den
Gesang des Drachen. Einen Moment lang glaubte Mowsal, daß es
Jarit war. Dem hätte etwas in der Art ähnlich gesehen.
Doch dann begriff er, daß es Kembrik war. Erkennen konnte er
es nicht. So unscharf, wie Mowsal die Welt wahrnahm, hätte
dort jeder stehen können, seine Mutter oder auch Rogri, aber
es war einfach Kembrik. Mowsal wußte es, so genau, wie er
plötzlich wußte, daß Kembrik die Drachen geweckt
hatte. Sie schliefen hier, zu Stein erstarrt, aber in ihnen war
Leben, und das drängte nun hinaus. Noch reichte es den
Drachen, die Welt durch Kembriks Augen zu sehen und durch seinen
Mund zu singen. Aber wenn nicht…
Woher weiß ich das alles? fragte Mowsal.
Weil ich es dir verraten habe, antwortete der Schwarze Drache.
Wir sind verbunden, du und ich. Hast du das
vergessen? Ich bin als letzte von uns eingeschlafen und als erste
von uns aufgewacht, aber alle anderen hängen an ihm. Er ist
der Drachenfreund. Sie haben lange auf ihn gewartet.
Mowsals Kopf war plötzlich vollkommen klar. Sein Verstand lag
vor ihm wie ein großer brennender Kristall, mit so scharfen
Kanten, daß er es nicht wagen durfte, ihn zu berühren.
Dann begriff er, daß dies nicht sein eigener Verstand war,
sondern der des Drachen. Und der Kristall war nicht vor ihm,
sondern um ihn herum. Sein Geist steckte im Traum eines anderen.
Du nicht? Was willst du von mir, wenn du ihn haben kannst?
Ich habe Interesse, sagte der Drache. Und ich finde dich
interessanter als ihn. Ich liege lieber ruhig, um von dir zu
träumen, als daß ich versuche mich aufzubäumen, um
dem Drachenfreund nahe zu sein. Die anderen werden noch lernen,
daß es nicht an der Zeit für uns ist, aufzuwachen.
Kannst du ihnen das nicht sagen? fragte Mowsal. Sie machen
Erdbeben. Sie hätte uns töten können.
Der Drache schwieg. Mowsal fühlte, wie ein leises Vibrieren
den Kristall erschütterte. Das ist viel verlangt. Du
willst, daß ich ihnen ihre Träume nehme. Und ihre
Träume sind immer noch wirklicher als eure armseligen kleinen
Leben. Der Drache machte noch eine Pause. Dann fragte er:
Bist du wirklich? Vermutlich habe ich dich nur erfunden. Wir
erfinden die wildesten Geschöpfe, wenn wir träumen. Aber
gleich werde ich dich wieder vergessen haben.
Nein! schrie Mowsal. Das darfst du nicht! Ich bin genauso
wirklich wie du! Wir sind alle wirklich! Er trommelte mit
seinen Fäusten gegen die Kristallwände. Jetzt erst
begriff er, warum ihm dieser Ort so bekannt vorkam. Es war Ilanrea,
nur, daß es niemals zerstört worden war.
»Das ist immer schon dein Problem gewesen. Du kannst die
Wirklichkeiten nicht unterscheiden. Bevor du das lernst, wirst du
sie auch niemals verändern können. Um ein Tor zu
erschaffen, mußt du deine Wirklichkeit los- und an einer
anderen festknoten. Du schaffst es dagegen nur, dich im Netz zu
verheddern.« Es war nicht mehr die Stimme des Drachen. Mowsal
blickte sich erstaunt um und sah Jarit neben sich, oder zumindest
ein Geschöpf, daß eine entfernte Ähnlichkeit mit
Jarit hatte. Seine großen, schrägstehenden Augen waren
die einer Katze, und die untere Gesichtspartie sprang vor. Der
lippenlose Mund unter der kleinen Nase lächelte, aber es war
weniger Freundlichkeit darin als gespannte Neugier.
»Jarit!« rief Mowsal aus. »Du bist ein
Naringu!«
»Natürlich bin ich das. Warum bist du so
verwundert?«
»Wohin ist der Drache verschwunden?«
»Drache? Es gibt hier keine Drachen. Sie sind am anderen Ende
der Welt. Wir sollten sie schlafen lassen.«
Etwas rührte sich in Mowsal, eine Erinnerung, die er lange
vergessen geglaubt hatte. »Ich bin nicht wirklich
hier«, sagte er laut. »Dies alles ist nicht meine
Wirklichkeit, und nicht mein Traum. Und ich werde jetzt
erwachen.«
Das Jarit-Wesen blickte ihn erwartungsfreudig an. »Versuch
es. Ich bin gespannt zu sehen, wieviel du gelernt hast. Kannst du
deine eigene Wirklichkeit wiederfinden?« Der Naringu hielt
Mowsal seine Hände hin, die er zu einer Schale geformt hatte.
In ihr lagen viele kleine schillernden Kugeln.
»Wähle!«
»Nein«, sagte Mowsal. »Keine davon. Meine
Wirklichkeit liegt nicht in den Händen eines anderen. Ich
trage sie in mir.«
Gut. Du hast den Test bestanden.
aus: Die Spinnwebstadt
Drittes Buch: Der Letzt von Ilanrea
(c) by Maja Ilisch