Noch eine Rückblende, aber diesmal mit Variation. Um aus »Eine Flöte aus Eis« zu zitieren:
»Wenn du eine Entscheidung, die du getroffen hast, bereust«, sagte Felder, »und du die Möglichkeit hättest, sie rückgängig zu machen, würdest du es dann tun?«
»In jedem Fall«, sagte Lonnìl.
»Aber dann stündest du wieder vor der selben Entscheidung. Und es ist nicht gesagt, daß du beim zweiten Mal eine bessere Wahl treffen wirst.«


Mowsal Aernali in:

Entscheidung, die Zweite

von Maja Ilisch


»He, du Schlafmütze! Aufstehen!«
Mowsal grunzte und versuchte, sich auf die andere Seite zu drehen, aber das ging nicht - die Hand an seiner Schulter hielt ihn fest. Verzweifelt bemühte er sich, wieder einzuschlafen - wenn er nicht wußte, wie dieser Traum ausging, würde er nie mehr in Frieden schlafen können… Was für ein Traum, eigentlich?
Mowsal schlug die Augen auf und starrte seine Mutter wütend an. »Mama - jetzt ist er weg!«
»Deine Bahn ist auch gleich weg, wenn du nicht aufstehst, junger Mann!« sagte seine Mutter. »Ganz zu schweigen von einem gewissen Herrn Eykhini, der gleich kommen müßte, um dich abzuholen - oder bist du wieder an der Reihe?«
Widerwillig, aber schnell machte sich Mowsal schulfertig. Die Reste dieses Traumes spukten immer noch in seinem Kopf herum. Es war so merkwürdig gewesen - etwas mit Drachen und Zauberern. Er hatte noch nie zuvor von Drachen und Zauberern geträumt. Vielleicht sollte er aufschreiben, an was er sich noch erinnern konnte, und es benutzen, wenn sie wieder einen Aufsatz schreiben mußten?
Aber mit den ersten Schlucken Tee verschwanden auch die letzten Reste Schlaf, und mit ihnen der Traum. Mowsal wußte nur noch, daß es eigentlich nicht einmal angenehm gewesen war. Dauernd war er vor etwas davongerannt…
»Hey, alte Penntüte!« schmetterte Maril zur Begeisterung.»Wieder mal verschlafen?« Er war unerträglich wach, aber bestimmt nur, weil er Tabletten dafür bekam. Und man durfte nicht vergessen, wann seine Eltern ihn normalerweise ins Bett steckten. »Du hast dein Sportzeug vergessen.«
Mowsal schlug sich mit der Hand vor die Stirn und rannt noch einmal hoch. Er hatte schon zweimal in diesem Jahr seine Turnschuhe vergessen und würde diesmal Ärger bekommen.
»Ach, ich hasse Sport!« murrte er, als er zurückkam. Turnen machte großen Spaß, aber Sportunterricht - das bedeutete früher oder später etwas mit Bällen. Und Bälle waren etwas, das Mowsal nicht ausstehen konnte. Oder umgekehrt.
Während sie die Straße entlang schlenderten - Maril wurde von seinen Eltern so früh losgescheucht, daß immer noch massig Zeit war, bis die nächste Bahn fuhr - wirbelte Mowsal seinen Turnbeutel hin und her. Mehrmals traf er damit Maril, aber das war in Ordnung. Sowohl sein Freund als auch der Turnbeutel konnten das aushalten. Er versuchte wieder, sich an den Traum zu erinnern.
»Ich sag dir mal was«, Maril hielt den Turnbeutel mitten im Flug fest, »wenn du mir heute auch nur einmal auf die Füße schaust, breche ich dir das Nasenbein.«
Danach konnte Mowsal nicht mehr anders, als nach unten zu blicken. Es gelang ihm sogar beinahe, ernst zu bleiben. »Neue Schuhe?« fragte er und duckte sich, als Maril nach ihm schlug, lachend weg. »Deine Mutter ausgesucht?«
Maril nickte grimmig. »Meinst du vielleicht, ich stehe auf hellblau? Ich mache mich damit ja zum Gespött der ganzen Klasse!«
»Wenn du magst, kannst du meine haben, und ich trage sie für dich«, bot Mowsal an.
»Bist du bescheuert? Meine Mutter reißt mir die Ohren ab, wenn da Kratzer draufkommen! Nein, ich weiß was Besseres!« Er blieb stehen, hockte sich auf den Boden, zog seine neuen Schuhe aus und die Turnschuhe an. »Und wehe, du verrätst auch nur ein Wort!«
Mowsal blickte unschuldig. »Ein Wort? Wovon?«
»Von meinen neuen Schuhen.«
»Welchen Schuhen?« Mowsal knuffte Maril in die Seite. Lachend stiegen sie in die Bahn.
»Wenn ich Geld hätte«, flüsterte Maril im Unterricht vor sich hin, »wenn ich richtig viel Geld hätte - weißt du, was ich dann damit machen würde?«
»Dir deine Schuhe selbst kaufen?« riet Mowsal.
Maril nickte, zugleich enttäuscht, weil Mowsal es sofort erraten hatte, und zufrieden, weil sie immer einer Meinung waren und wußten, was der andere dachte. »Überhaupt Kleidung«, sagte er. »Richtig ausgefallene Sachen. Schwarze, nicht dieses ekelhaft bunte Zeug. Schwarz ist mächtig!«
»Maril und Mowsal, ihr könnt euch gleich auf dem Flur weiter unterhalten!« fuhr Frau Semaleh dazwischen.
Die Flüsterei wurde unterbrochen, ihre Fortsetzung auf die Pause verschoben. Maril wurde nicht müde aufzulisten, was er sich alles kaufen würde - bis hin zu dem mächtigen Wagen, den er frühestens in fünf Jahren würde fahren dürfen. Mowsal fiel zwar weniger ein - wie immer konnte er, was Ideen anging, nicht mit Maril mithalten - aber es gelang auch ihm, eine zumindest halbwegs passable Ansammlung von Wünschen auf die Reihe zu bekommen.
In den folgenden Stunden gelang es ihnen, einen Lehrer nach dem anderen gegen sich aufzubringen, indem sie sich immer wieder zwischendurch Wünsche zuspielten, ohne daß man ihnen einen Verweis für Dauerquatschen hätte aufdrücken können.
»Ich werde Herrn Lankari bestechen, damit wir keine Ballspiele mehr machen müssen«, war das letzte, was Mowsal noch einfiel, als sie von der Umkleide zur Halle hinübergingen. »Oder noch besser, ich besteche den Sportminister, damit Shem ein und für alle Mal verboten wird.« Vor seinem inneren Auge sah er bereits die Bälle, die gleich aus allen Richtungen auf ihn einprasseln würden. Er war zwar gut darin, ihnen auszuweichen, aber das war nicht der eigentliche Sinn des Spieles.
»Heute«, sagte Herr Lankari, »wird zur Abwechslung geturnt.«
»Irgend jemand hat ihn schon vor uns bestochen«, kicherte Maril. Im Turnen gehörten sie beide zu den Besten, wozu drei Jahre
Jugendsportverein, Abteilung Boden- und Geräteturnen, Jungen, noch ihren Teil beigetragen hatten.
»Wenn wir an die Seile dürfen, werde ich Buße tun und alles, was von meinem Taschengeld übrig ist, den Masken opfern!«
»Wieso, sind die auch bestechlich?« fragte Maril zurück.
Es würde sich herausstellen. Sie durften an die Seile, aber da von seinem Taschengeld so gut wie nichts mehr da war, reute Mowsal sein Versprechen nicht weiter. Er und Maril waren in einer Staffel. Hoch, die Decke berühren, wieder runter und den Nächsten abschlagen, hinten anstellen. Wer es nicht bis zur Decke schaffte und auf halber Strecke hängenblieb, schied aus. Sieger war die Mannschaft, bei der die meisten Turner übrig blieben - im Normalfall die von Mowsal und Maril, es sei denn, das Schicksal meinte es böse mit ihnen und steckte sie in unterschiedliche Staffeln.
Aber etwas stimmte nicht. Mowsal wurde das Gefühl nicht los, daß ihn jemand beobachtete, vom Lehrer und der Klasse einmal abgesehen. In einer Verschnaufpause, als er sich gerade hinter Maril wieder angestellt hatte, spähte er zur Tür hinüber. Hinter der in sie eingelassenen Glasscheibe meinte er einen schwarzen Schatten gesehen zu haben, doch als er genauer hinsehen und Maril darauf aufmerksam machen wollte, war da nichts mehr. Mowsal hatte das merkwürdige Gefühl, schon einmal an dieser Stelle gestanden und diesen Schatten gesehen zu haben, ein andermal, in einem Traum. In dem Traum heute Nacht. Verbissen kletterte er weiter, ließ nicht zu, daß seine Arme müde wurden, achtete auch nicht mehr auf den Beifall seiner Mitschüler oder auf solche, die es zwar bis unter die Decke geschafft hatten, dann aber da baumelten und keine Ahnung hatten, wie sie wieder hinunterkommen sollten. Er kletterte einfach nur. Man brauchte dabei nicht nachzudenken.
Am Ende meldeten sie sich freiwillig, die Seile wieder zusammenzuziehen, um zu zeigen, daß sie noch immer nicht erschöpft waren, und auch, damit Herr Lankari nicht aus Ärger, daß hinterher niemand beim aufräumen geholfen hatte, das Klettern aus dem Stundenplan strich. Das machten sie eigentlich immer so. Aber diesmal hatte es noch andere Gründe: Maril konnte sich nach allen anderen Jungen umziehen, und niemand würde seine neuen Schuhe sehen, die er für den Heimweg wieder anziehen mußte. Und Mowsal konnte sich noch etwas davon ablenken, daß in den Gängen der Turnhalle etwas auf ihn lauerte.
»Und jetzt nur noch ein Vollbad«, witzelte Maril, als sie auf den Waschraum zusteuerten. Zumindest eine Dusche wäre jetzt wirklich angenehm gewesen. Beide Jungen waren völlig verschwitzt. Aber die schuleigenen Duschen gaben schon seit Wochen nur kaltes Wasser von sich und wurde, wahrscheinlich aus dem üblichen Geldmangel, nicht repariert.
Er stand plötzlich vor ihnen, und mit dem schwarzen Umhang sah er sogar aus der Nähe wie ein Schatten aus.
»Wartet mal!« Eine seltsame Stimme - leise und dunkel, etwas heiser, aber nicht unangenehm. Angenehm auch nicht. Sie war unmöglich einzuordnen.
»Was gibt's?« fragte Maril, wie immer nicht bereit, sich einschüchtern zu lassen, auch nicht von seltsamen jungen Männern, die in den Fluren der Turnhalle herumlungerten.
»Ich sehe, ihr könnt gut klettern. Auffallend gut. Ihr turnt wohl ziemlich gern?«
Maril sah Mowsal an. Sein Blick sagte 'Mann, der Kerl ist vielleicht ein Spinner'. Ohne lange nachzudenken, nickten sie.
»Seid ihr schon mal auf die Idee gekommen, daß man damit auch Geld verdienen kann?«
Marils Blick fügte hinzu: 'Aber hörst du - Geld?'
Mowsal sagte nichts. Er starrte den Mann an, starrte in gelbe Augen in einem seltsam leeren Gesicht. Und dann erkannte er ihn. Der Mann, der ihn in seinem Traum gejagt hatte!
»Maril, das geht nicht um Geld«, sagte er mit einer Ruhe, die er sich selbst nicht zugetraut hätte. »Der will uns in kriminelle Geschichten reinziehen. Das ist es nicht wert!«
Der Gelbäugige machte einen kleinen Schritt rückwärts, aber das war auch schon alles. Er verschwand nicht.
»Herr Lankari!« brüllte Mowsal. »Kommen Sie schnell!« Und als der Fremde immer noch keine Anstalten machte zu fliehen, fuhr Mowsal ihn an: »Hau bloß ab! Wenn dich unser Lehrer hier findet, bist du dran! Wir lassen uns nicht in irgendwelche Machenschaften reinziehen!«
Der Mann wich noch etwas zurück, ließ aber den Blick nicht von den Jungen ab. Seinen Gesichtsausdruck konnte man bestenfalls als mild erstaunt bezeichnen, aber was seiner Mimik fehlte, machten seine Augen wett. Langsam griff er in seine Innentasche. Mowsal verlor keinen Moment mehr. Er griff Maril beim Arm und rannte los, an dem Mann vorbei. Einen Moment lang fürchtete er, Maril würde nicht mitkommen, aber da war sein Freund auch schon neben ihm. Se verzichteten auf das Waschen, stürmten in die Umkleide und zogen die Tür hinter sich zu.
»Meinst du, der kommt uns nach?« fragte Mowsal atemlos, während er die Schuhe abstriff und sich eilig die Hose über sein Sportzeug zog.
»Der Spinner?« fragte Maril. »Der wird abhauen, so wie du ihn zusammengeschissen hast. Obwohl -«
»Maril, der wollte uns für was kriminelles, Einbrechen oder so! Und hast du seine Augen gesehen? Der war doch nicht normal!«
Er warf sich die Jacke über und lief zur Ausgangstür, wartete mit einer Hand an der Klinke darauf, daß Maril endlich kam.
»Das war mutig von dir gerade. So kenne ich dich gar nicht«, tönte Marils Stimme aus seinem Pullover heraus. »Das kann ich mal meinen Kindern erzählen - wie Mowsal todesmutig einen Schwerverbrecher zusammengestaucht hat.«
Mowsal wurde schlecht bei dem Gedanken, was alles hätte passieren können. Seine Knie wurden langsam weich.
Im nächsten Moment schrie er auf. Die Klinke hatte sich unter seiner Hand bewegt! Vor Schreck sprang er in die falsche Richtung - zurück, statt sich gegen die Tür zu stemmen. Mit einem leisen Quietschen ging sie auf. Mowsal konnte nicht sehen, wer im Rahmen stand, aber er sah Marils Gesichtsausdruck, und das genügte. Er warf sich nach vorne, um die Tür wieder zuzuschlagen, am besten dem Mann voll ins Gesicht.
»Ich habe doch gesagt, du sollst uns in Ruhe lassen!« schrie er. »Hau ab! Verschwinde!«
Mowsal schlug und trat um sich, als ihn plötzlich jemand am Arm packte. »Mowsal! Wach auf!«
Etwas drückte ihn plötzlich hart gegen die Wand. Mowsal schlug die Augen auf. Kembrik hielt ihn mit beiden Armen fest. »Wachwerden!« befahl er. »Träumst du immer so laut?«
Wortlos starrte Mowsal ihn an, schüttelte den Kopf. Er sah das Zugabteil um sich herum, seine Freunde auf den Sitzen, das Dunkel draußen. Langsam wußte er wieder, wo er war. Dann sagte er leise: »Und wenn Rogri mich noch einmal fragt, verpasse ich ihm einen Tritt in die Weichteile.«

aus: Die Spinnwebstadt
Viertes Buch: Die Masken des Mondes

(c) by Maja Ilisch


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