Ujora hat eine zweiteilige Traum-Vision über das Schwinden der Magier aus der Welt und das Auftreten ihrer eigenen Tochter
Ujora in:
Das Schwinden der Magier, Teil Eins
von LaMaga
Ich befand mich in der
sonderbaren Schlucht, die das Himmelsgebirge wie ein Axthieb
durchschnitt, symmetrisch, von rechtwinklig-steilen Felswänden
links und rechts gesäumt, so daß es kein Ausweichen
geben konnte. Ich stand mitten auf dem Weg, der sacht abfiel und
mir einen Blick ins Tal gewährte, aus einem Winkel, der mich
annehmen ließ, daß ich mich in großer Höhe
befand.
Die Felsen waren kalt und schimmerten in dem sonderbaren Licht, das
von oben herab strahlte. Ich blickte in die Höhe und
erschauerte: der Himmel war blutrot, so, wie man es manchmal bei
Sonnenuntergängen beobachten kann. Aber dies war kein
Farbspiel des Abendhimmels -- dieser Himmel war zur Gänze
leuchtend rot und strahlte auf unwirkliche Weise. Und an diesem
gespenstischen Firnament standen eine gewaltige Mondsichel und eine
grell scheinende Sonnenscheibe -- gleichzeitig! Die Gestirne waren
unnatürlich groß, es schien mir, als seien sie der Erde
viel, viel näher als sonst. Wolken oder Sterne waren nicht da
-- oder das unheilvolle Licht ließ sie nicht erscheinen.
Ich wandte mich wieder dem Pfad zu, denn nun hörte ich etwas,
erst ganz in der Ferne, dann immer näher herankommend.
Zunächst konnte ich mir das Geräusch nicht erklären,
aber dann wurde mir bewußt, daß es eine Art Lied war,
ein dumpfer, rhythmischer Gesang aus tausend und mehr Stimmen. Dazu
Schritte, die dem Rhythmus des Liedes folgten und von den Felsen
zurück hallten.
Eine gespenstisches Tanzmelodie war es, und mir schauderte. Dennoch
wollte ich sehen, wer da sang. Ich kauerte mich hinter einen
großen Felsen und wartete gespannt ab, was geschehen
würde. Und schließlich, endlose, bange Minuten des
Wartens später, kam die Masse der Tänzer in
Sichtweite.
Ich erstarrte und wußte nicht, ob ich meinem Entsetzen
nachgeben sollte, daß mir zu dringender Flucht riet, oder
meiner Neugier, die auskundschaften wollte, was vor sich ging.
Ohne, daß ich sagen konnte, warum ich es wußte, begriff
ich, daß es die joray dieser Welt waren -- alle Magier, alle
Kreise der lebendigen Kräfte, die sich jemals in der Traumwelt
gebildet hatte, und alle Magier, auch jene, die bereits gestorben
und womöglich auch jene, die noch gar nicht geboren waren.
Viele Hunderte Menschen waren es, und sie durchquerten die Schlucht
durch das Himmelsgebirge, langsam, aber unnachgiebig und ohne
haltzumachen.
Ich sah wunderschöne Feen in schimmernden, duftigen Kleidern
aus Licht, junge und schöne und alte, häßliche
Hexen, wie aus dem Märchenbuch entsprungen, und natürlich
Zauberer und Zauberinnen in den Ornaten ihrer Kreise. Eine Reihe
von ihnen war sogar beritten, elfenhaft schöne, edel
aussehende Männer in bunten Ritterrüstungen zogen auf
großen, geflügelten Einhörnern vorbei, deren Hufe
im Takt der Menschenschritte aufsetzten. Das mußten die
legendären Regenbogenritter sein.
Obwohl keine bestimmte Ordnung in der Folge ihres Marsches zu
herrschen schien, bemerkte ich doch die Schattentänzer unter
den anderen sofort, da alle Männer dieses Kreises völlig
schwarz gewandet waren und in der Menge fast auffälliger
erschienen als die Licht-Feen in ihren leuchtenden Kleidern. Aber
so sah ich Yalomiro inmitten der anderen
Schattentänzer-Männer sofort. Er ging und tanzte zwischen
Aramau - der toten Aramau! - und einem greisen, Ehrfurcht
gebietenden Mann in schwarzer Kutte - seinem Meister Askyn, wie ich
annahm. Yalomiro trug seine Geige in der Hand, spielte aber nicht
darauf, sondern stimmte in den dumpfen Gesang ein.
Ich warf einen Blick über die Menge und sah einige Schritte
von Yalomiro entfernt einen etwas älteren Magier mit blutroten
Gewändern und erkannte zu meiner Verwunderung, daß er es
war, er, Meister Gor, der Herr der Leere. Und er war ganz
selbstverständlich inmitten der joray. An seiner Seite ging
ein junger rotgewandeter Mann mit ernstem, jungenhaftem Gesicht und
einer wirren Lockenmähne, die schneeweiß war.
Als die beängstigende Menge näher kam, sah ich, daß
sie noch sonderbarer anzusehen waren, als ich vorher gedacht hatte.
Die Bewegungen ihres Tanzes waren eckig, mechanisch und hatten gar
nichts Menschliches an sich. Und sie alle, von der schönsten
Fee bis zur häßlichsten Hexe und dem strengsten Magier,
starrten geradeaus ins Leere und wirkten wie hypnotisiert. Es war
wie ein ekstatischer Zustand, in dem die Magier sich befanden, und
ich war mir sicher, daß keiner von ihnen bei klarem
Bewußtsein war.
Und sie sangen, und ihr Lied klang wie eine unheilvolle,
verzweifelte Beschwörung. Sie sangen in der alten Sprache, und
obwohl sie nur die Kreise der lebendigen Kräfte anriefen,
schien eine gewaltige Macht in ihrer Beschwörung zu
liegen.
Mir schauderte, obwohl keine Bedrohung in den Worten lag.
Ich drängte mich an die Felswand zu meiner Rechten und wollte
die Gruppe an mir vorbei lassen. Dabei kamen mir die
Schattentänzer sehr nahe.
Yalomiro wandte sich mir nicht zu, als er an mir vorbei schritt.
Ich glaubte, er habe mich nicht bemerkt und mir war wohler dabei,
da mir das Verhalten der Magier unheimlich war.
Da griff er unvermutet zu mir hinüber, packte mich bei der
Hand und zerrte mich mit sich in den Reigen der Magier.
Ich versuchte, mich von ihm loszureißen, aber es gelang
nicht, und so mußte ich dem Tanz der joray folgen. So sehr
ich mich aber auch wehrte, bemerkte ich, wie der hypnotische Takt
des Tanzes und der monotone Gesang sich immer fester in meinen
Gedanken festhakten, und unerträglich laut und quälend
widerhallten.
Und es gab keine Möglichkeit, sich dagegen zur Wehr zu setzen.
Ich tanzte mit den Magiern, sang ihre Beschwörungsformel und
begriff, daß es hier um etwas Unbegreifliches ging, aber
niemand da war, der mir erklären konnte, was
geschah...
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Zweites Buch: Weltentür
(c) by Sandra Bloh