Zweiter Teil dieses Traumes, gegen Ende des Romans


Ujora in:

Das Schwinden der Magier, Teil Zwei

von LaMaga


Der rote Himmel wurde schwer und heiß, und die joray ächzten unter der Last der Luft, die sich zu verdichten und zu verfestigen schien. Und noch immer sangen sie, riefen die Kräfte der lebendigen Kreise an. Aber ihr Tanz wurde angestrengt und schleppend, da sie gegen einen ungeheuren Widerstand ankämpfen mußten, den auch ich zu spüren bekam.
Und ich sah sie um mich herum einen nach dem anderen zusammenbrechen, und die, die zu Boden gingen, schienen sich im Moment ihres Sturzes aufzulösen und mit der Luft zu verschwimmen. 
Aramau war verschwunden, Meister Gor, der Mann, den ich als Meister Askyn erkannt hatte. Und mit jedem joray, der verschwand, wurde der Gesang leiser, verschwand ein Teil der geballten Auren und der Macht der Kundigen.
Neben mir fiel ein Schattentänzer zu Boden, ein hübscher junger Mann, der Yalomiro ähnlich sah, aber kurzes schwarzes Haar und einen gepflegten Vollbart hatte. Sein silberner Blick flackerte einmal noch auf, so als flehe er mich um Hilfe an, aber es half ihm nichts. Er sank hin und verschwand.
Ich schaute mich um und sah in der immer lichter werdenden Menge keine schwarzgewandeten Männer mehr, abgesehen von Yalomiro, der immer noch meine Hand hielt. Der letzte Schattentänzer.
Ich wollte mit Yalomiro sprechen, ihn viele Dinge fragen und ihm meine Angst klagen, aber ich sah, wie es ihn anstrengte, nur auf den Beinen zu bleiben.
Ich strauchelte, fühlte mich, als lägen Zentnerlasten auf meinen Schultern. Yalomiro riß mich zurück auf die Füße, sein Griff schmerzte, aber rettete mir das Leben. Ich wußte, ich durfte den Boden nicht berühren.
So kämpften wir uns den Gipfel des Himmelsberges hinauf, während um uns herum joray verschwanden und ein gequältes ächzen den Gesang verstummen ließ.
Ungezählte Ewigkeiten dauerte es, bis der Gipfel erreicht war, das Atmen fast unmöglich, die Körper wie zerquetscht und das Herz wie in Feuer brennend. Mit Schrecken erkannte ich, daß nur noch Yalomiro und ich übrig waren.
Yalomiro richtete sich auf und blickte um sich. Ich tat es ihm nach.
Wir waren einsam auf dem Gipfel des Berges, auf einer großen, grünen Wiese, aber die Wolkendecke war fort und ich blickte in den schrecklichen Abgrund, den ich damals mit der Hängebrücke zu überqueren versucht hatte
»Ist das die Stunde der Entscheidung?«, fragte ich mühsam.
Er nickte. Dann lächelte er müde.
»Nun wird sich zeigen, was geschehen wird.«
Ich schaute an mir hinab, und zum ersten Mal stellte ich fest, wie ich gekleidet war. Ich trug ein mondfahles Kleid mit silbernen Stickereien und seltsamen Ornamenten. 
Aber noch bevor ich mich darüber wundern konnte, erregte eine Bewegung meine Aufmerksamkeit. Und direkt uns gegenüber schleppten sich zwei andere joray auf den Berggipfel, ein Mann und eine Frau.
Ich kannte sie nicht und wußte auch ihre Ornate nicht zu deuten. Der Mann war mittleren Alters, völlig in eine goldene, glänzende Rüstung gekleidet, die im Widerschein der Gestirne blitzte und glänzte.. Goldblondes, krauses Haar und ein wilder Bart verdeckten den größten Teil seines Gesichtes.
Die Frau war ebenfalls blond, schulterlanges, glänzendes Haar umspielte ihr Antlitz, und ihr Gewand war blendend weiß und schleierzart.
Das fremde Paar schaute zu uns hinüber, und in ihren Gesichtern stand Überraschung. Dann zog der Ritter ein goldenes Schwert aus der Scheide, die an seinem Gürtel hing.
Yalomiro richtete sich auf und blickte ihm entschlossen entgegen.
Doch noch bevor jemand etwas sagen konnte, geschah etwas Sonderbares: zwischen uns, mitten auf dem Plateau, erschienen aus dem Nichts zwei weitere Gestalten, ebenfalls ein Mann und ein Mädchen. Der Mann war in ein eng geschnittenes, kunterbuntes Gewand mit goldenen Stickereien gekleidet, sein Haar war fast golden, glatt und reichte ihm bis zum Gürtel. Er trug eine leichte Rüstung wie der Ritter, ebenfalls aus purem Gold. Sein Gesicht war sanftmütig und edel, die Augen so blau, daß sie beinahe aus sich heraus leuchteten. Er war jung, jünger als Yalomiro.
Das Mädchen war wunderschön. Ihr Kleid war schwarz und mondfarben, ihr Gesicht gütig und friedlich. Aus jadefarbenen, tiefen Augen blickte sie ruhig den Jüngling an und lächelte wie eine Sphinx. Ihr Haar war blauschwarz und reichte fast bis zum Boden. 
Das Paar in der Mitte hielt sich bei den Händen und blickte schweigend hinab in den Abgrund.
Ihnen war nichts anzumerken von der Anstrengung, die ich gespürt hatte und bei Yalomiro und den Fremden beobachtete.
Dann umarmte das Paar in der Mitte sich zärtlich und küßte sich.
Im selben Moment stießen am Himmel Mond und Sonne zusammen, ein gleißendes Licht blendete mich und um uns blitzte ein verwirrendes Bild aus Milliarden von Blicken und Bildern auf, bevor das Dunkel das Licht umschlang und ich nicht sagen konnte, ob es finster wurde oder ich erblindet war.
»Mutter!«, klang eine mir fremde Stimme ans Ohr, wie die eines Kindes. Und ich schrak auf.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Zweites Buch: Weltentür

(c) by Sandra Bloh


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