Ujora, in der langsam magische Kräfte freiwerden, gerät unbeabsichtigt als Beobachterin in einen Alptraum Yalomiros, der Erlebnisse seiner Jugend verarbeitet.
Ujora in:
Yalomiros Alptraum
von LaMaga
Ich befand mich in einem Wald,
einem himmelhohen Fichtenwald von finsterem, geheimnisvollen
Grün. Die Wipfel der Bäume verdeckten den Himmel fast
völlig, und die herabgerieselten Nadeln von Jahrzehnten
dämpften den Klang meiner Schritte und machten den Untergrund
angenehm weich und locker. Kein Laut durchbrach die ehrwürdige
Stille dieses uralten Waldes, und die Luft duftete würzig nach
Harz und feuchter Erde.
Ich schaute mich in diesem grünen Dom um und setzte mich dann
in Bewegung. Wie Säulen ragten die schlanken Baumstämme
empor und schienen das tiefgrüne Dach abzustützen, und ab
und an durchfuhr ein säuselnder Luftzug die feierliche
Stille.
Ich wunderte mich über diese sonderbare Umgebung, die den
Nadelwäldern, die ich kannte, glich und doch ganz anders war.
Dann wurde mir bewußt, daß außer meinen Schritten
kein Laut zu hören war, kein Vogelruf, kein Rascheln im
Unterholz. Aber der Wald war nicht tot und verstummt, nein: er
schien vielmehr den Atem anzuhalten, sich ruhig zu verhalten, um
sich nicht zu verraten.
Dann hörte ich doch etwas, erst weit entfernt, dann rasch
näher kommend: Kinderstimmen, eine Kinderschar, die
lärmte und tobte. Aber es war nicht das fröhliche
Gelärm eines Spieles.
Ich begann, zu laufen, hindurch durch den Wald, auf die Kinder zu,
neugierig, zu sehen, was dort vor sich ging.
Und da kamen sie auch schon, eine Gruppe von fünfzehn bis
zwanzig Kindern unterschiedlichen Alters, Jungen und Mädchen
miteinander. Sie rannten in jagendem Tempo zwischen den
Baumsäulen hindurch und die trockenen Nadeln stoben nur so in
die Höhe. Ein Stück vor ihnen, etwas voraus, aber lange
nicht mit den Vorsprung, den er sich bestimmt wünschte,
hastete ein einzelnes Kind vor der Gruppe her, blickte sich immer
wieder gehetzt nach seinen Verfolgern um und schien in Panik zu
sein, während die anderen Kinder von einer unheilvollen
Mischung aus Faszination, Angst und Haß motiviert, hinter ihm
her rasten.
Es war ein kleiner Junge, vielleicht fünf oder sechs Jahre
alt. Sein braungrauer Kittel war dreckverschmutzt und zerrissen,
und auch einige der anderen Kinder wirkten, als hätten sie
eine schlimme Rauferei hinter sich.
Das Kind kam näher, flüchtete und die Horde jagte es auf
mich zu.
Das ist nicht wirklich, erkannte ich urplötzlich. Das ist ein
Traum! Der Traum eines Anderen!
»Mama! Papa!«, hörte ich nun die Stimme des
verfolgten Kindes, verzweifelt und flehend. Und ich bemerkte ein
Stück hinter mir zwei neue Gestalten, einen Mann und eine
Frau, deren Erscheinen ich überhaupt nicht wahrgenommen hatte.
Aber, seltsam: beide Personen kehrten mir den Rücken zu und
blieben auf eine sonderbare Weise völlig diffus und verwischt.
Ich konnte ihre Anwesenheit nur erahnen, obwohl ich ihre Schemen
deutlich vor mir sah.
Nun erkannte ich auch die Stimmen der Kinder deutlich, ein
aufgeregter Tumult, erregte Kinderstimmen, die zornerfüllt
gegen den Flüchtling gerichtet waren und aus denen immer
wieder ein Wort deutlich hervordrang: »Silberauge!
Silberauge!«
»Mama! Hilf mir! Beschütze mich!«, forderte der
kleine Junge außer sich vor Furcht und blieb stehen, etwa in
der Mitte zwischen mir, dem Pärchen aus Unklare und der
ebenfalls anhaltenden Kinderschar. Diese drei Parteien bildeten nun
ein Dreieck um das verängstigte Kind.
»Du bist ein Silberäugiger,« hörte ich dann
die Stimme dessen, der der Vater sein mußte. »Du bist
nicht unser Sohn. Du kannst nicht unser Sohn sein.«
»Papa!«, wimmerte der Kleine und starrte
großäugig zu dem Schemen hin. Seine Augen waren
tiefdunkel, fast schwarz, und sein Haar lockig und
schwarzglänzend.
»Du bist keiner von uns,« sagte die Mutter, ohne sich
dem Kind zuzuwenden. »Du kannst nicht bei uns bleiben. Du
darfst nicht bei uns bleiben.«
»Silberauge!«, höhnten die Kinder,
»Silberauge, fort von hier! Fort, oder wir treiben dich! Wo
immer du uns begegnest, wir werden dich verjagen!«
Das Kind schluchzte auf, aber seine Augen blieben trocken, obwohl
der kleine Junge von Tränen gewürgt zu werden schien. Ein
Kind, ein Kind, das nicht weinen konnte.
Ich ahnte.
»Yalomiro?«, rief ich dem Knaben zu, und augenblicklich
wandte der schwarze Blick sich mir zu.
»Ich heiße Vèljioz,« antwortete das Kind.
»Ich bin Vèljioz.«
Ich hörte zu und suchte nach Worten. »Du darfst nicht
Vèljioz sein,« sagte ich ihm dann.
»Vèljioz darf nicht im Großen Wald bleiben. Sie
lassen es nicht zu. Du mußt ein anderer werden, dort, wohin
du gehörst.«
»Wer bist du?«, fragte er verwirrt. »Wer bist du,
schöne Dame?«.
Ich ging in die Hocke und streckte dem Kind beide Arme entgegen.
»Komm zu mir,« forderte ich ihn mitleidig auf,
»komm her! Ich werde dich beschützen!«
Einen kurzen Moment zögerte das Kind. Dann tappte er wie ein
Schlafwandler auf mich zu.
Ich umarmte das Kind und hob ihn auf. Großäugig musterte
der Kleine mich und schmiegte sich schließlich scheu an
mich.
Ich blickte mich um, und sah mich von den Kindern umringt. Und
spürte, daß die Eltern hinter mir standen.
Schweigen, ein Schweigen aus Verwunderung.
Ich wandte mich wieder dem Kind zu.
»Alles in Ordnung?«, fragte ich leise.
Er nickte tapfer. »Ich glaube, ich habe einen Zahn
verschluckt,« sagte er dann und zeigte mir eine gähnende
Zahnlücke im Oberkiefer. »Aber der hat sowieso schon
gewackelt.«
»Warum haben sie dich verprügelt?«, fragte ich.
»Das weißt du doch, oder?«
»Sie sagen, ich wäre anders als sie und müßte
deswegen verschwinden,« erklärte er und klang mit einem
Male überraschend erwachsen.
Ich schaute auf die Kinder und sah Angst. Angst vor dem
Unfaßbaren.
»Es ist Euer Sohn,« sagte ich zu den verschwommenen
Eltern. »Solltet Ihr ihn nicht lieben, wie er ist?«
»Wir dürfen ihn nicht mehr lieben,« gab der Vater
zurück, und seine Stimme klang endgültig.
»Wir können ihn nicht mehr lieben,« fügte die
Mutter hinzu, »denn er wird es niemals erwidern
können.«
»Doch, das wird er,« hielt ich dem entgegen. »Er
wird es können. Das weiß ich sicher.«
Stille.
»Wer wird ihn beschützen?«, fragte ich. »Wer
wird sich um ihn kümmern, wenn ihr ihn
verstoßt?«
»Ich!«, mischte sich eine weitere, eine fremde Stimme
ein, die gewichtige, ehrfurchtgebietende Stimme eines alten Mannes.
Ich schaute auf und erblickte in einiger Entfernung einen sehr
alten Mann in schwarzen Gewändern, dem Ornat eines
Schattentänzer-Meisters. Der Greis wirkte alt, ohne
gebrechlich zu sein, und sah aus, wie ich mir eine Allegorie von
Weisheit und Güte vorstellte. Dennoch ging etwas Strenges und
Erhabenes von dem Alten mit dem langen weißen Bart aus.
Der Alte kam auf uns zu, während die Kinderschar sich in
furchtsamen Erschauern vor ihm teilte. Er blieb dicht vor mir
stehen und streckte die Hände aus. »Gib mir das
Kind.«
Das Yalomiro-Kind musterte den Greis ängstlich, und schmutzige
kleine Finger klammerten sich an meinen Kragen.
Der Alte lächelte verständnisvoll.
»Ich war wie du,« sagte er dann sanft. »Ich werde
dich lehren, so zu werden wie ich es bin. Bei mir darfst du das
sein, was du bist.«
Ich schaute den Alten fragend an.
»Er gehört mir,« sagte der alte Mann und warf den
schemenhaften Eltern eine Handvoll Silbermünzen vor die
Füße. Die beiden bückten sich danach und
wühlten im Laub nach dem Geld. Dann wandte der Greis sich an
mich.
»Es ist noch nicht an dir, Salgiara,« sagte er.
»Ich bin Ujora,« sagte ich ehrfürchtig. »Ihr
müßt mich verwechseln.«
Der Alte lächelte und schüttelte kaum merklich den Kopf.
»Gib ihn mir.«
»Geh mit ihm,« ermunterte ich das Kind. »Er ist
gut zu dir. Besser, als ich es sein kann.«
Das Kind zögerte. Dann ließ er es zu, daß ich ihn
an den Alten weiter reichte.
»Werde ich dich wieder sehen?«, fragte der Kleine
scheu.
Ich lächelte. »Ganz bestimmt.«
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Zweites Buch: Weltentür
(c) by Sandra Bloh