Vèljioz Veree hat eine Traum-Vision.
Vèljioz Veree
in:
Ein Traum
von LaMaga
Er wanderte darin über ein
weites Feld, eine Ebene, die sich in alle Richtungen erstreckte und
die sich weit in der Ferne in einem silbrigen Nebel verlor. Aber
der ganze Boden, wohin er auch blickte, war bedeckt von Knochen,
von Skeletten, den Überresten einer unvorstellbaren
Menschenmenge. Sonderbarerweise waren die meisten dieser Gerippe
bekleidet, trugen weitgehend unversehrte Gewänder und
verschiedene Gegenstände bei sich.
Vèljioz beugte sich ab und zu hinab, um einzelne Skelette
genauer zu betrachten. Die meisten der Dinge, die er sah, waren ihm
fremd, er wußte nichts damit anzufangen, und auch die
Kleider, die die bleichen Skelette trugen, waren ihm nicht einmal
von Abbildungen in seinen Büchern geläufig.
Vèljioz zuckte die Achseln und wanderte weiter.
Erstaunlicher Weise verspürte er weder Furcht noch Ekel,
während er über die Knochen dahin schritt und ich
umsah.
Und dann war da die Stimme. Er hörte sie ganz deutlich, aber
sie murmelte, war leise und ihre Worte kaum zu verstehen. Und es
war niemand da, der zu im sprach, nur die Knochen lagen am
Boden.
Vèljioz ging langsamer, schaute mißtrauisch auf die
Gebeine und horchte.
Dann, einer Eingebung folgend, drehte er sich um, wechselte die
Richtung und lief einige Schritte in die andere Richtung, immer
weiter horchend. Das wiederholte er einige Male, ging in einem
ungeordneten Zickzackkurs über die Skelette hinweg und schlug
schließlich die Richtung ein, in der die Stimme lauter und
deutlicher wurde, indem er vorwärtsging.
Zwar konnte er noch immer keine Worte unterscheiden, dafür
waren ihm die Dinge, die er bei den Gerippen fand, immer
vertrauter, je mehr er der Stimme entgegen ging. Da lagen
Bücher in knöchernen Händen, Schwerter und
Schmuckstücke aus Gold und Silber. Es waren Skelette dabei,
die Kronen und prächtige Hermelinmäntel trugen, andere
steckten in ärmlichen Lumpen, in Rüstungsteilen und
Ballkleidern. Vèljioz blieb stehen, als er ein Gerippe mit
einem roten goala'ay-Ornat erkannte, und nicht weit davon
schwarzsilberner Stoff glänzte.
»Was ist hier geschehen?«, fragte er leise.
Die Stimme murmelte undeutlich. Vèljioz horchte
angestrengt.
»Was ist das hier?,« wiederholte er. »Wer waren
die alle?«
Die Stimme wisperte, aber ihre Worte überlagerten sich, und
Vèljioz glaubte, dass es nun nicht eine, sondern hundert
Stimmen waren, die gleichzeitig redeten, das selbe fortwährend
repetierten, aber dabei um eine Winzigkeit versetzt sprachen, so
dass ihre Worte miteinander verschmolzen.
Vèljioz sah sich um. Die Skelette, die unmittelbar um ihn
herum lagen, waren wie Magier gekleidet, er erkannte verschiedene
Ornate und schauderte, als er versuchte, sich zu den zu
fleischlosen Grinsen erstarrten Köpfen die Gesichter von
Schatten vorzustellen, die er kannte. Aber es waren nicht nur
Magier; etwas weiter fort schienen die Relikte von Bauern und
Königen zu liegen, Kindergerippe zwischen den verformten alter
Leute. Sie alle aber waren Vèljioz vertraut und
gehörten auf eine schwer zu bestimmende Weise zu ihm.
»Ich will wissen, was hier passiert ist,« sagte
Vèljioz, nun ziemlich laut, um gegen die murmelnden Stimmen
anzukommen, die, wie er nun begriff, gar nicht um ihn herum,
sondern in seinem Kopf erklangen.
Schlagartig verstummten die hundert Stimmen. Und antworteten dann,
alle zugleich und so unisono, dass ein grauenhafter,
furchterregender Echoeffekt entstand, der Vèljioz entsetzt
aufschreien ließ, ein einziges Wort:
»Gänseblümchen.«
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Sechstes Buch: Spiegeltraum
(c) by Sandra Bloh