Yalomiro in:
Fieberträume, Teil Zwei
von LaMaga
Yalomiro befand sich allein in
der großen Leere. Er war ein Mensch und blickte an sich
hinab. Er trug ein neues Ornat, viel kostbarer und würdevoller
als sein normales Gewand, hielt die Geige in Händen, und an
einer Kette um seinen Hals sah er das Mondstrahlzeichen.
Verwundert griff er danach und spürte Macht davon ausgehen,
gewaltige Macht und Kraft, eine Magie, die vernichten und
erschaffen konnte, was und wann er nur wollte.
'Es gehört mir,' dachte er überrascht, 'ich bin der
Hüter des Mondstrahles.'
Er blickte sich um und sah in einiger Entfernung das Mädchen
sitzen und ihm entgegen blicken. Er lächelte und ging auf sie
zu.
Sie blickte ihm abwartend in die Augen.
»Ihr habt Euren Kampf gewonnen, Meister Yalomiro,«
sagte sie ruhig.
Er lachte verlegen. »Du mußt mich nicht mit 'Meister'
anreden. Ich bin immer noch der selbe wie vorher.«
Sie erwiderte sein Lachen nicht. »Seid Ihr Euch sicher,
Meister Yalomiro?«
Verwirrt schaute er sie an. Ihre Miene blieb ernst und reglos
dabei.
Er biß sich auf die Lippen.
»Ich liebe dich,« sagte er dann hilflos, ohne den Sinn
dieser Rede zu begreifen.
Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Ihr seid jetzt
ein Schattenmeister. Ihr könnt nicht lieben, mit Eurer halb
geformten Seele.«
Er kniete vor ihr nieder und versuchte, in ihre Augen zu blicken,
aber sie wich seinem Blick aus.
»Es sind Gefühle für dich in meiner Seele,«
sagte er leise.
Sie blickte zu Boden. »Nicht die richtigen. Aber ich
gehöre Euch, wenn Ihr mich begehrt.«
Yalomiro sprang auf und Furcht breitete sich in ihm aus. »Was
ist mit dir geschehen? Warum fühle ich in deinem Geist keine
Wärme mehr für mich?«
Sie richtete sich auf und kehrte ihm den Rücken zu. »Ich
bin unverändert,« sagte sie tonlos. »Ihr seid
derjenige, der sich verändert hat.«
Yalomiro zögerte und griff dann nach der Geige, die er bei
sich trug.
»Hör mir zu,« flehte er, »ich werde für
dich spielen. Ich will dir beweisen, wie sehr ich dich
liebe.«
Er setzte das Instrument an und begann, eine seiner Melodien zu
spielen, ein Lied, das zärtlich und sanft sein sollte.
Aber der Geige entklangen nur schrille, unangenehme Töne,
mißtönend, scheußlich und schief. Ungläubig
hörte und sah er, daß der Klang der Geige, der sonst so
klare und reine Klang sich seinem Willen widersetzte.
In den Mißklang der Geige mischten sich die Schreie des
Mädchens. Sie lag am Boden, krümmte sich vor Schmerzen
und wimmerte und schrie vor Qual.
»Nein,« stieß sie hervor, »hört auf!
Ich flehe Euch an, haltet ein!«
Aber er konnte es nicht, er war nicht fähig, sein Spiel zu
unterbrechen.
Sie weinte, flehte um Gnade und wand sich unter unsichtbaren
Händen.
»Ich kann nicht!«, rief er verzweifelt und konnte nicht
verhindern, daß die Geige seinen Körper in ihre Gewalt
brachte.
Das Mädchen schrie, und hilflos sah er ihren Schmerzen zu.
Da stand plötzlich Meister Gor neben ihm und blickte auf das
Mädchen hinab.
»Du besitzt nun den Mondstrahl,« sagte er
ungerührt und beobachtete, wie er sich gegen das Instrument
zur Wehr setzte und dagegen ankämpfte. Aber seine Hände
schienen mit Bogen und Griff verwachsen zu sein, und die Violine
gehorchte ihm nicht.
Das Mädchen stöhnte, trat um sich und weinte
herzzerreißend.
»Was soll ich tun?«, rief Yalomiro entsetzt.
»Gebt mir einen Rat, Meister Gor!«
»Du besitzt nun den Mondstrahl,« wiederholte Meister
Gor und lächelte böse. »Armer Schattentänzer.
Du willst ihr deine Liebe zeigen, aber nun schändest du sie
mit deinem Lied. Es scheint mir fast so, als würden deine
Kräfte nicht mehr deinem Willen gehorchen. Ist es das, was du
mit dem Mondstrahl vorhast?« Er lachte leise und streckte die
Hand aus. »Gib ihn mir!«
Yalomiro starrte ihn fassungslos an und schüttelte den Kopf.
»Nein, Meister Gor. Nicht Euch!«
»Du kannst seine Macht nicht kontrollieren,« sagte
Meister Gor. »Du wirst damit nur zerstören, selbst, wenn
du Gutes willst. Ich aber bin die Vernichtung, und so kann ich ihn
gebrauchen und beherrschen. Gib ihn mir! Du hast
verloren.«
Yalomiro wich vor ihm zurück, und immer noch erklang das
pervertierte Lied seiner Zärtlichkeit. Das Mädchen schrie
immer noch -- und verstummte plötzlich.
Im selben Moment zerbrach der Bogen der Geige in Yalomiros Hand.
Er warf Bogen und Geige von sich und war mit wenigen Schritten an
der Seite des Mädchens, kniete neben ihr nieder und blickte
auf starre, schmerzverblendete Augen. Sie atmete nicht mehr.
Yalomiro hob sie auf, drückte sie an sich und weigerte sich,
zu begreifen.
»Sie ist tot,« sagte Meister Gor unbarmherzig.
»Du hast sie zu Tode geliebt mit deiner Melodie.«
Yalomiro blickte auf sie hinab und bebte vor Verzweiflung.
Meister Gor trat hinter ihm und riß ihm mit einer raschen
Bewegung das Amulett vom Hals.
Yalomiro wehrte sich nicht dagegen. Er spürte, wie seine
Wangen feucht wurden. Verwirrt griff er danach.
»Ich kann nicht weinen,« sagte er dann leise.
»Ich bin ein Schattentänzer.«
Meister Gor lachte schallend. »Nein, Yalomiro ... du bist ein
Narr.«
aus: Die
Schattenherz-Chroniken
Erstes Buch: Schattenherz
(c) by Sandra Bloh