Yalomrio in:

Fieberträume, Teil Drei

von LaMaga


Yalomiro stand in der Halle des Lebendigen Lichtes. Vor ihm, auf dem Thron, saß Meister Askyn, würdevoll und ernst. Zwischen ihnen, auf dem Boden, stand die Schatulle, in der das Amulett lag und pulsierendes Licht in die Schwärze warf, die Kristalle traf und ein immerwährendes, tröstendes Funkeln in der Dunkelheit erzeugte.
»Du kannst es an dich nehmen,« sagte Meister Askyn ruhig. »Aber was wirst du damit tun?«
»Wenn ich es dem Meister der Leere gebe,« antwortete Yalomiro, » dann wird die Vernichtung die Nacht und das Leben verschlingen, und ich werde sterben. Wenn ich es an mich nehme und es gegen Meister Gor richte, wird es meine Magie zerbrechen, und ich werde meinerseits Zerstörung bringen, egal, was ich damit tue.«
»Du könntest es ignorieren,« sagte der alte Zauberer ernst.
Yalomiro blickte auf. »Vorgeben, es zu suchen und fliehen?«
Meister Askyn nickte. »Du bist stark, Yalomiro, und deine Kräfte werden bald ihr volles Maß erreicht haben. Gehe fort, berge das Zeichen und hüte es. Du wirst bald stark genug sein, um es vor Meister Gor zu schützen. So, wie ich es lange Jahre getan habe.«
»Dann wird Meister Gor das Mädchen benutzen,« gab Yalomiro zurück.
Der Greis lachte erheitert. »Das wäre ein kleines Opfer, mein Schüler. Was ist schon ein einziger Unkundiger gegen die Welt, unter deren Himmel du lebst?«
Yalomiro schüttelte den Kopf. »Mein Himmel wäre leer ohne ihre Nähe.«
Meister Askyn faltete die Hände und lehnte sich zurück. »Das Zeichen dient nicht dir allein,« sagte er streng. «Du bist nur der Hüter. Deine Wünsche dürfen sich nie über das Zeichen erheben.»
»Ich war hundert Jahre lang ein Stein,« entgegnete er, »und in jeder Sekunde, die ich in der Halle stand, sehend, hörend und fühlend, war um mich nichts als Stille und Einsamkeit. Dann kam sie und befreite mich aus der Form des Unbelebten.«
»Das war Zufall«, sagte Meister Askyn ungehalten. »Du hast keinen Unkundigen herbeirufen wollen.«
»Das mag sein«, sagte Yalomiro fest. »Aber dann, als ich loszog, das Zeichen zu bergen, blieb sie an meiner Seite. Als Meister Gor mich gefangen nahm, meine Seele aus meinem Körper riß und sie belog, war sie da und stand mir bei. Sie war bereit, für mich zu sterben und sie vertraute mir, obwohl Verwirrung und Furcht sich beherrschten. Ich bin verantwortlich für sie.«
Meister Askyn seufzte auf. »Du liebst also tatsächlich?«
Yalomiro nickte. »Ja. Und aus diesem Grunde bin ich nicht bereit, sie für das Zeichen zu opfern.«
Der alte Magier nickte langsam.
»Und ich muß schnell handeln. Die Leere ist bereits in ihr und breitet sich aus.«
Meister Askyn schwieg. Yalomiro fürchtete sich vor seinem Schweigen.
»Meister«, sagte er dann vorsichtig, »ich war Euer Schüler, seit Ihr mich von den Unkundigen wegnahmt. Ich habe Euch immer geachtet und Euch gedient, und Ihr lenktet dafür die Kraft, die in mir war und lehrtet mich, sie zu benutzen. Aber gegen das Zeichen bin ich schwach, und ich bin es auch gegen Meister Gor. Und gegen das Mädchen. Was ratet Ihr mir?«
Der greise Zauberer erhob sich langsam und würdevoll. Sein trüber Blick ruhte in den Augen des jungen Magiers, und er tastete nach der Seele des Schülers.
Yalomiro ließ es geschehen und öffnete dem Alten sein Herz.
Nach einer Weile redete der Alte wieder, und seine Stimme war ruhig und bedacht.
»Du bist bereit, deine Geschwister im Kreis und diese Welt für die Unkundige zu verraten, Yalomiro. Aber dennoch finde ich weder Feigheit noch Leichtsinn in deiner Seele. Dafür ist darin eine Macht erwachsen, die mir fremd ist, die ich nicht verstehe. Ich spüre, daß es eine Kraft ist, die weiter reicht als die deiner Geschwister, und die sich dem Lebendigen Licht nähert. Du bist einer von uns, Yalomiro, aber dennoch kann ich dich nicht verstehen. Es steht mir nicht zu, über Dinge zu urteilen, die sich meiner Weisheit entziehen.«
Yalomiro zögerte.
»Es ist schon zu viel getötet worden für das Zeichen«, fuhr der Alte fort. »Seit Ewigkeiten birgt es die Kräfte des Lebendigen Lichtes in sich, und seit jeher haben mächtige Meister und törichte Unkundige versucht, sich seiner zu bemächtigen, um guter wie böser Macht willen. Und seit Ewigkeiten hüten die Schattentänzer das Zeichen vor Gier und Dummheit der Menschen. Aber Meister Gor ist der Mächtigste von allen Meistern, die es je gewagt haben, sich dem Zeichen zu nähern. Wenn er es beherrschen kann - und das ist nicht unwahrscheinlich - mag das das Ende dieser Welt sein.«
Yalomiro blickte zu Boden.
»Ich kann dir nicht raten, Yalomiro. Die Dinge sind so, daß ich sie nicht mehr beobachten und voraussagen kann.«
Yalomiro seufzte hilflos. »Wie kann ich wissen, was zu tun ist, wenn nicht einmal Ihr Rat wißt, Meister?«
Meister Askyn verschränkte die Arme und schloß die Augen.
»Geh, Yalomiro. Berge das Zeichen und bringe es Meister Gor, wenn du keinen anderen Ausweg siehst. Laß das Zeichen über dich richten und hoffe auf seine Gnade.«
Yalomiro nickte langsam. »Ja, Meister.«
»Nur das Zeichen selbst weiß, was geschehen darf,« sagte der Alte freundlich, »und nur das Zeichen selbst kann dir Rat geben. Du hast dein Leben dem Schatten und der Nacht gewidmet, Yalomiro, und du warst ein guter Diener der Dunklen Kräfte. Ich glaube, das Zeichen weiß, was du im Herzen trägst. Und ich habe es geahnt, damals, als ich zum ersten Mal in deine Augen blickte und die Wunde in deiner Schattenseele erkannte, die heilbar war. Heilbar durch eine Unkundige. Durch das, was die ujoray Liebe nennen.«
Er trat an den jungen Zauberer heran und lächelte traurig. »Schlafe,« befahl er, und Yalomiro schloß die Augen und ergab sich der Tiefe des Traumes.

aus: Die Schattenherz-Chroniken
Erstes Buch: Schattenherz

(c) by Sandra Bloh


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