Scrivener für Windows

Schreiben, Plotten, Recherchieren, und das alles in einer optisch ansprechenden Umgebung: Scrivener kommt nahezu als eine eierlegende Wollmilchsau unter den Autorensoftwares daher. Bis 2010 war das Programm lediglich für den Mac erhältlich, seither gibt es auch die Version für Windows- und Linuxnutzer, die stetig weiterentwickelt wird - und den pfiffigen Alleskönner nicht nur Autorenherzen erobern lässt.

Obwohl Scrivener insgesamt so komplex ist, dass der Nutzer gut daran tut, sich das interaktive Tutorial oder die Video-Anleitungen zu Gemüte zu führen: Die Kernfunktionen der Software bleiben recht intuitiv bedienbar. Die Benutzeroberfläche von Scrivener besteht im Wesentlichen aus drei Komponenten.

Screenshot Scrivener Editor

In der Mitte lädt ein klassischer Texteditor dazu ein, mit dem Schreiben direkt loszulegen; Wort- und Zeichenzahl werden direkt am unteren Rand angezeigt. Außerdem stehen die gängigen Formatierungsmöglichkeiten zur Verfügung, sodass auch Ästhetikschreiber auf ihre Kosten kommen, und einen Vollbildmodus gibt es ebenfalls - hier können neben der Schriftgröße auch Aspekte wie die Transparenz des Hintergrunds, die Seitenbreite und ein Hintergrundbild angepasst werden.

Screenshot Scrivener Binder

Auf der linken Seite bildet der Binder das Herzstück für die Strukturierung mit Scrivener. Hier können Ordner und einzelne Dokumente angelegt und hierarchisiert werden - ideal, um z.B. einen Roman in Teile, Kapitel und Szenen einzuteilen. Ein Sonderbereich für Recherche erlaubt es, auch Bilder und Musik zu importieren. Ebenso können PDFs und Word-Dokumente sogar per Drag&Drop in den Binder gezogen werden. Mit anderen Worten: Der Binder erlaubt es, sämtliches Material rund um ein Projekt zentral in einer Scrivener-Datei zu verwalten. Ein besonderes Schmankerl stellt dabei die Möglichkeit dar, den einzelnen Elementen individuelle Labels zuzuweisen, die sich farbig anzeigen lassen: So lassen sich je nach Bedürfnis der Status einzelner Szenen, Erzählperspektiven oder andere Aspekte ganz leicht visualisieren, was für Übersichtlichkeit sorgt.

Screenshot Scrivener Inspektor

Auf der rechten Seite rundet der Inspektor das Ensemble ab, der noch einmal eine Vielzahl an Funktionen bietet: Hier kann man sich Szenenzusammenfassungen oder Bilder anzeigen lassen, Dokumentnotizen ablegen, Schlüsselwörter zuweisen oder sogar Fußnoten und Kommentare sehen. Praktisch ist der Inspektor also vor allem dann, wenn man gewisse Informationen während des Schreibens im Blick behalten möchte, die nicht in den Editor selbst gehören - beispielsweise die formalen Rahmenbedingungen der Ausschreibung, für die man gerade eine Kurzgeschichte verfasst, oder der grobe Verlauf des aktuellen Kapitels.

Wer sich von diesen Möglichkeiten überfordert fühlt: Sowohl Binder als auch Inspektor lassen sich jederzeit aus- und nach Belieben wieder einblenden. Mit den Funktionsweisen dieser drei Elemente lässt sich auf alle Fälle schon gut arbeiten - Scrivener bietet aber noch um Welten mehr.

Screenshot Scrivener Corkboard

Beispielsweise verschiedene Ansichtsmodi für den Editor, die das Programm eben nicht nur zu einem wertvollen Werkzeug für den Schreibprozess selbst, sondern auch für die Planung und Verwaltung von Schreibprojekten machen. Das Corkboard, die Pinnwandansicht, ist dabei sicher eines der populärsten und praktischsten Features, mit denen Scrivener aufwartet: Mit einem Klick lassen sich die Dokumente innerhalb eines Ordners als Karteikarten auf einer Korkunterlage anzeigen. Hier können sie nach Herzenslust hin- und herbewegt und mit Notizen versehen werden. Das kann vor allem im Plotprozess hilfreich sein, wenn einzelne Ideenfetzen notiert werden, deren Reihenfolge noch nicht fest ist - oder in der Überarbeitung, wenn es sich als sinnvoll erweist, auch die Reihenfolge schon geschriebener Szenen und Kapitel zu verändern.

Screenshot Scrivener Gliederung

Eine weitere Ansichtsoption ist der Gliederungs-Editor, der es ermöglicht, alle Dokumente ausgewählter Ordner in einer praktischen Übersicht zu sehen. Welche Eigenschaften dabei angezeigt werden, lässt sich sogar per Klick auf das kleine Pfeil-Icon rechts bequem auswählen, und so ist auf einen Blick eine Übersicht über verschiedene Aspekte wie Titel, Synopsis, Label, Status, Erstellungsdatum und natürlich Wortzahl möglich.

Und noch eine Funktion soll an dieser Stelle erwähnt werden: der Splitscreen. Scrivener erlaubt es, das Editorfeld je nach Belieben horizontal oder senkrecht zu teilen. Diese Funktion gestattet es, beim Arbeiten zwei Dokumente zugleich im Blick zu behalten (oder auch wahlweise ein Dokument und z.B. den Gliederungs-Editor, die Pinnwandansicht oder die inspirierende Porträtzeichnung der Hauptfigur). Was sich im Schreibprozess als überaus praktisch erweisen kann, ist darüber hinaus einer der Aspekte, die Scrivener auch jenseits des schriftstellerischen Arbeitens überaus attraktiv machen, denn der Splitscreen ist überall dort praktisch, wo es wichtig sein kann, mehrere Dinge zugleich im Auge zu behalten - beispielsweise bei Übersetzungen oder sogar wissenschaftlichen Arbeiten.

Irgendwann im Arbeitsprozess kommt der Punkt, in dem das fertige Produkt aus Scrivener hinaus soll. Hierfür bietet das Programm die Funktion "Ausgeben" (Compile) mit vielfältigen Optionen, was das Ausgabeformat betrifft: .doc-, .rtf- und .pdf-Dateien sind ebenso möglich wie die Ausgabe als Ebook oder im HTML-Format. Im Ausgabemenü lässt sich auswählen, welche Elemente übernommen und wie gewisse Formatierungen gehandhabt werden sollen. Trotz der Vielzahl an Funktionen muss hier zuweilen noch ein wenig gebastelt werden, und es gibt bislang im Ausgabemenü keine bequeme Vorschaufunktion. Auch fehlt die Möglichkeit, sich im Scrivener-Editor selbst ein Seitenlayout anzeigen zu lassen - die Druckvorschau allerdings bietet verschiedene Optionen für eine Seitenansicht.

Screenshot Scrivener Compile

Auch die integrierte Rechtschreibprüfung, insbesondere in der deutschen Version, ist eher als rudimentär zu bezeichnen, und wer im Schreibprozess viel Wert auf sie legt, wird hier wohl nicht glücklich werden. Im Gegenzug gibt es dafür noch eine Vielzahl an kleinen Spielereien wie einen Namensgenerator, die Möglichkeit, sich Fortschrittsbalken für Manuskript- und Sitzungsziel einblenden zu lassen oder sogenannte Scrivener-Links zu setzen, die auf andere Dokumente verweisen können - letzteres stellt eine gute Möglichkeit dar, sich ein persönliches Wiki zu erstellen.

Und noch ein Ass hat Scrivener in der Hinterhand: die Datensicherung. Das Programm bietet die Möglichkeit der "Snapshots", die aktuelle Projektversionen abspeichern, und des automatischen Backups beim Verlassen der Datei. Und Scrivener speichert auch während der Arbeit automatisch - alle zwei Sekunden, wobei sich der Intervall auch anders einstellen lässt. Datenverlust wird damit in der Praxis zu etwas höchst Unwahrscheinlichem.

Alles in allem liefert Scrivener ein Rundumpaket für jeden, der strukturiert und optisch angenehm arbeiten, die ein oder andere Zusatzfunktion nutzen und seine Projektdaten gern konzentriert zusammenhaben möchte. Seinen regulären Preis von 40$ ist Scrivener damit auf alle Fälle wert, zumal eine erworbene Lizenz die Installation auf mehreren Rechnern ermöglicht und Scrivener sich damit zugleich auf dem heimischen PC wie auch dem Netbook für unterwegs nutzen lässt. Vor dem Kauf lässt sich Scrivener überdies dreißig Tage lang testen. Dabei werden tatsächlich auch nur die Tage gezählt, an denen man das Programm wirklich nutzt - und die Vielzahl an Funktionen entdeckt, die es zu bieten hat.

Die Rezension wurde verfasst von Sabrina Železný.

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