Write or die

Achtung: Diese Rezension basiert auf der veralteten Programmversion 1. Mit Version 2 ist Write or Die grundlegend überarbeitet worden.

Streng genommen ist Write or Die nur ein glorifizierter Texteditor - ein großes, weißes Feld, ein Cursor, man tippt seine Wörter, und das ist es auch schon. Es gibt keine Möglichkeiten, den Text zu formatieren, keine Rechtschreibkorrektur, keine Sonderzeichen, nichts, was der allereinfachste Texteditor nicht auch hat - und solange der Autor fleißig schreibt, ändert sich daran auch nichts. Und doch ist Write or Die ein tolles Werkzeug für einen Autor, der sich sonst nur allzu leicht ablenken lässt und gerne seine Produktivität erhöhen möchte, ein Trainingswerkzeug für Kampfschreiber. Entscheidend ist, was passiert, wenn sonst nichts passiert.

Solange die Finger über die Tastatur tanzen, ist alles in Ordnung. Neben dem sehr aufgeräumten Bildschirm - ohne störende Icons, weil es ja nichts gibt, das sich damit aktivieren ließe - gibt es nur zwei sehr unaufdringliche Statusbalken: Einer für die Zeit, die diese Sitzung dauern soll, einer für die erreichte Wortzahl. Dauer und Wortzahlziel können vor Beginn jeder Sitzung gewählt werden, ansonsten werden sie vom letzten Mal übernommen. Aber noch etwas kann eingestellt werden: der Härtegrad und die Art der Bestrafung. Während man auch mit Zuckerbrot sicherlich gute Ergebnisse erreichen kann, greift Write or Die zur Peitsche. Und sobald der Autor zu lange zögert, geht es los.

Screenshot Write or Die Auswahlbildschirm

Es beginnt noch vergleichsweise harmlos, indem sich der Bildschirm vom neutralen Weiß in einen bedrohlichen Rotton verfärbt. Spätestens jetzt sollte man anfangen, zumindest ein paar Leerzeichen zu tippen und wieder zu löschen, während man fieberhaft nach der passenden Formulierung sucht. Wenn nicht, bricht die akustische Hölle aus. Ein unangenehmes Geräusch nach Wahl des Benutzers erklingt - von grausamen Geigen über Babygebrüll hin zum Wecker der Hölle ist alles möglich, und wem das noch nicht schlimm genug ist, der kann auch ein eigenes MP3 verwenden, mit dem Geräusch von Kreide auf Tafel oder Gesang von Karel Gott.

Die psychologische Wirkung jedenfalls lässt nicht lange auf sich warten. Nicht von ungefähr lassen sich Tiere mit schmerzhaften Klängen von Orten, wo sie nichts verloren haben, fernhalten und bleiben auch dann noch fern, wenn die Lautsprecher ausgeschaltet sind: Das Geräusch wird als Strafe empfunden und funktioniert auch wie eine. Allein das Gefühl, beim Faulenzen ertappt worden zu sein, wenn man doch eigentlich fleißig sein wollte, wirkt schon Wunder. Und an "Mal eben schnell die Nachrichten checken", "Facebook gucken" oder "Das Forum administrieren" ist nicht mehr zu denken. Und wem grausige Klänge nichts ausmachen, der kann das Programm auch in den Kamikazemodus schalten, mit dem bereits geschriebene Wörter von der Software gefressen werden, wenn der Autor nicht schnell genug spurt.

Es ist erlaubt, eine Pause pro Sitzung einzulegen - nur eine! - um sich etwas zu Trinken zu holen oder wieder wegzubringen, danach muss konzentriert weitergearbeitet werden. Daher bietet es sich an, die Sitzungen nicht länger als eine halbe oder Dreiviertelstunde zu veranschlagen und im Zweifelsfall mehrere nacheinander zu machen, weil sich erfahrungsgemäß die Konzentration nur so-und-so-lange aufrechterhalten lässt. Wer dafür berüchtigt ist, jeden Satz zwanzigmal neu zu schreiben, bevor er sich dem nächsten zuwendet, und wertvolle Zeit verschwendet, kann auch für die volle Dauer der Sitzung die Backspace-Taste deaktivieren - die Daumenschrauben, die sich der Write-or-Die-Benutzer selbst anlegen kann, sind vielseitig.

Wer nicht sicher ist, ob das Prinzip der Bestrafung bei ihm zu den gewünschten Erfolgen führt und nicht nur zu noch mehr Frust, kann die Grundfunktionen von Write or Die als kostenlose Web-App ausprobieren. Dabei ist nur ein Klang vorgegeben, und die Zeit muss aus einem Menü ausgewählt werden, statt dass man sie frei eingegeben könnte. Aber der wichtigste Nachteil der Webversion ist ein anderer: Es gibt keine Speichermöglichkeit. Friert der Rechner ein oder stürzt der Browser ab, ist alles Geschriebene weg - ohne eine Chance, die Daten jemals wiederzufinden. Das ist in der Desktopversion etwas besser gelöst - aber immer noch nicht voll zufriedenstellend: Wenn man pausiert oder die Arbeit für beendet erklärt, bekommt man eine Speicherungsoption, und es wird im Home-Verzeichnis (z.B. unter C:\Users\USER\Documents\writeordie) unter dem Datum ein Autosave angelegt, beides als einfache Textdatei.

Aber auch hier gilt: Wenn das Programm oder der Rechner abstürzt, während man im Schreibmodus ist, ist die Arbeit verloren, zumindest seit der letzten Pause. Und den Ordner mit den Autosaves findet man oft nur durch Zufall, nachdem man bereits alles noch einmal neu geschrieben hat. Wer paranoid ist, was Datenverlust angeht, wählt besser ein Programm mit automatischer Speicherfunktion, wie Scrivener oder 750words.com, bei denen es zwar keine Straffunktion gibt, aber dafür laufend nach jedem eingegebenen Zeichen gespeichert wird.

Screenshot Write or Die Oberfläche

Eine nette Funktion des Programms ist die Möglichkeit, sich mit einem anderen Nutzer einen Wordwar zu liefern - dabei wird mit dem auserwählten Gegner ein Code ausgetauscht, mit dem Write or die die Kontrahenten identifiziert und über das Internet die Zahlen, wer wie viel geschafft hat, abgleicht - so ist es möglich, sich zu battlen, ohne alle fünf Minuten ins Forum wechseln zu müssen, um die aktuelle Zahl auszuposaunen, und dabei wieder in Gefahr zu läufen, dort hängen zu bleiben. Was auf den ersten Blick wie ein Totschlagargument für den Kauf des Programms aussieht, wird aber in der Praxis tatsächlich sehr wenig genutzt.

Da Write or Die auf das Adobe-AIR-Framework aufsetzt, ist das Programm eigentlich plattformunabgängig auf allen Betriebssystemen lauffähig, auch unter Linux, wo Autorensoftware sonst umständlich über Virtualisierungssoftware ans Laufen gebracht werden muss und dann oft nicht zuverlässig arbeitet. Allerdings hat Adobe die Linux-Unterstützung für AIR im Sommer 2011 eingestellt, und seither ist das Framework in den gängigen Distributionen nicht mehr enthalten. Alte Versionen von AIR können im Internet gesucht und händisch nachinstalliert werden, und dann macht auch Write or Die keine Probleme, aber der Weg dahin kann beschwerlich sein.

Auch wenn Dr. Wicked, der Entwickler des Programms, auf seiner Webseite volle Linux-Unterstützung und schnelle Antwort im Problemfall anbietet, reagiert er auf E-Mails tendenziell gar nicht und hat auch den Hinweis auf die AIR-Problematik bislang nirgendwo erwähnt - natürlich kann man davon ausgehen, dass wer Linux benutzt, sowieso ein Geek ist und das dann auch selbst irgendwie hinbiegen kann, aber so oder so scheint das Projekt in letzter Zeit etwas eingeschlafen zu sein. Das Programm wurde bislang nicht ins Deutsche übersetzt, aufgrund des begrenzten Funktionsumfangs ist es aber ziemlich selbsterklärend und kann auch mit rudimentären Englischkenntnissen benutzt werden. Zusätzlich zur Desktop-Version gibt es auch eine Write or Die-App für Ipad (nicht Android), die hier nicht getestet wurde.

Für zehn Dollar bekommt man mit der Desktop-Edition ein sehr günstiges Programm mit einem sehr begrenzten Funktionsumfang. Es macht genau das, was es verspricht, und sonst nichts. Es gibt keine Projekte, die verwaltet werden können, keine Notizen, keine Verknüpfungsmöglichkeiten - wer so etwas sucht, kann Write or Die immer noch ergänzend zu anderer Autorensoftware benutzen. Aber viele davon bringen inzwischen eine ablenkungsfreie leere Schreibfläche mit, und wer es nicht nötig hat, sich vor Strafen zu fürchten, um diszipliniert arbeiten zu können, der kann auch ohne Write or Die zum Kampfschwein mutieren. Wer aber immer ein paar auf die Finger braucht, am besten mit der Bratpfanne, der sollte dem Programm zumindest für die Übergangszeit, bis auch unter normalen Umständen straff durchgearbeitet werden kann, eine Chance geben. Entgegen des martialischen Namens ist noch niemand daran gestorben.

Die Rezension wurde verfasst von Maja Ilisch.

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